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Einleitung 1966

Einleitung 1966
Stefanie Haupt

Die 1960er-Jahre gelten in der DDR-Geschichte als Reformjahrzehnt. Nach der Grenzschließung und dem Bau der Mauer stieß die SED politische, wirtschaftliche und soziale Umgestaltungsprozesse an. Der Reformwille erfasste auch das expandierende Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Dessen Berichtswesen an die Staats- und Parteispitze wurde in dieser Zeit systematisiert und professionalisiert. Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG), deren innenpolitischer Berichtsstrang Gegenstand dieser Edition ist, erhielt 1965 umfassende Kompetenzen vom Minister für Staatssicherheit. Sowohl innerhalb des MfS als auch allgemein für die DDR ist 1966 in vielerlei Hinsicht ein Jahr des Nachhalls auf Entwicklungen und Ereignisse des Vorjahres, wie beispielsweise des sogenannten »Kahlschlag-Plenums« des ZK der SED im Dezember 1965. Es ist aber auch ein Jahr, in dem die Partei Kursänderungen vornahm, wie zum Beispiel in der Deutschlandpolitik, die zu Beginn des Jahres 1966 mit demonstrativer Dialogbereitschaft startete, gegen Ende des Jahres aber in Abschottung umschlug.

1. Zeitgeschichtlicher Hintergrund

»Optimistisch ins neue Jahr!«1 überschrieb das »Neue Deutschland«, das Zentralorgan der SED und zugleich die größte überregionale Tageszeitung, die Ansprache von Walter Ulbricht zum Jahreswechsel 1965/66. Darin blickte der Staats- und Parteichef mit Zufriedenheit auf das vergangene Jahr zurück, das für die DDR ein friedliches und erfolgreiches gewesen sei. Er hob wirtschaftliche Fortschritte und außenpolitische Erfolge hervor wie seinen offiziellen Besuch in Ägypten im Frühjahr 1965. Mit der Errichtung von drei arabischen Generalkonsulaten in Ostberlin schien sich die außerhalb des Ostblocks isolierte DDR zu profilieren.2 Die 1963 angeschobene Wirtschaftsreform hatte die wirtschaftliche Lage der DDR gegenüber den Vorjahren leicht verbessert, 1964 und 1965 konnte sie Zuwachsraten im produzierten Nationaleinkommen verbuchen.3 Ulbricht sah dies als Bestätigung der Parteilinie: »So wie wir es machen, ist es richtig. Wir sorgen uns zuerst um eine gute Arbeit. Und wenn die Resultate vorliegen, dann prüfen und entscheiden wir, wie die Lebenslage der Werktätigen weiter verbessert werden kann.«4 Anfang 1966 wurde die Fünftagewoche für jede zweite Woche eingeführt. Das im Dezember 1965 abgehaltene 11. Plenum des ZK der SED führte Ulbricht an, um die Partei als eine besonnene Planerin des Fortschritts und Friedens darzustellen. Tatsächlich war das Plenum, in dessen Mittelpunkt die Wirtschaftsentwicklung stehen sollte, überschattet von einer Generalabrechnung mit der Kunst- und Kulturszene; eine Zäsur, mit der eine kurze Phase der relativen Offenheit in der Jugend- und Kulturpolitik ein abruptes Ende fand.5 Die Auswirkungen dieses »Kahlschlags« wurden erst im Laufe des Jahres 1966 deutlich.

Auch die »[l]iebe[n] Bürger der westdeutschen Bundesrepublik«6 sprach Ulbricht in seiner Neujahrsbotschaft direkt und ausführlich an – selbst, wenn diese wahrscheinlich nicht zuhörten. Er warnte vor der Bedrohung, die von dem im Oktober 1965 gebildeten zweiten Kabinett Ludwig Erhards aus CDU/CSU und FDP ausgehen würde. Dabei verwies er auf die Pläne einer die Grundrechte einschränkenden Notstandsgesetzgebung7 und die Stationierung von Atomwaffen im Rahmen der westdeutschen NATO-Mitgliedschaft, und er warf der Regierung in Bonn – ähnlich wie ihren Verbündeten, den USA, die seit 1964/65 direkte Kriegspartei in Vietnam waren – vor, eine Politik der Eskalation voranzutreiben, indem sie Ländergrenzen nicht anerkennen würde.8 Die DDR porträtierte er hingegen als Impulsgeberin einer europäischen Friedensordnung. Dem Bundestag schlug Ulbricht vor, über die Normalisierung der Beziehungen zu verhandeln und auf beiden Seiten diplomatische Beziehungen zu allen NATO- und Warschauer-Pakt-Staaten aufzunehmen.

Die Kontaktoffensive in der Neujahrsansprache Walter Ulbrichts kündigte einen neuen außen- und deutschlandpolitischen Kurs für das Jahr 1966 an. Konkrete Schritte folgten: So stellte die DDR am 28. Februar 1966 einen Mitgliedschaftsantrag an die Vereinten Nationen.9 Im gleichen Monat adressierte Ulbricht im Namen der SED einen offenen Brief an die Delegierten des im Juni tagenden SPD-Parteitags und bot an, mit den Sozialdemokraten über die Perspektiven der Deutschlandpolitik ins Gespräch zu kommen. Es war nicht die erste Offerte an die SPD.10 Besonders war jedoch, dass sie beantwortet wurde – was wiederum viel Aufsehen in Ost- und Westdeutschland erregte.

Ende des Jahres war es mit der Annäherung allerdings wieder vorbei. Die SED setzte erneut auf die Beibehaltung einer Spaltung zwischen Ost und West. Einen aus dem Briefwechsel mit der SPD resultierenden und für den Sommer anvisierten Redneraustausch in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) und Hannover sagte sie ab. Auch die Gespräche über eine Fortführung der Passierscheinerteilung, die es Westberliner Bürgerinnen und Bürgern seit Dezember 1963 phasenweise ermöglichte, im Ostteil der Stadt Verwandte zu besuchen, wurden abgebrochen. Spätestens mit dem Eintreten der SPD in eine Große Koalition mit der CDU/CSU unter Kurt Georg Kiesinger im Dezember 1966 änderte die SED ihren Kurs und setzte auf Abgrenzung. Diese Linie schlug sich auch in der Kirchenpolitik nieder, in der die SED auf die Trennung der noch gemeinsamen Evangelischen Kirche in Deutschland oder der Berlin-Brandenburger Landeskirche in Ost und West drängte. Weitere unzweideutige Abgrenzungssignale waren die Verbannung des Begriffs »gesamtdeutsch« aus dem offiziellen Sprachgebrauch und die Einführung der DDR-Staatsbürgerschaft im Februar 1967.

Von der Anfang 1966 demonstrierten Kommunikationsbereitschaft war in Walter Ulbrichts Neujahrsansprache ein Jahr später nichts mehr zu spüren. Er behauptete, »die Nichtbeachtung unserer Vorschläge durch die Regierung der westdeutschen Bundesrepublik [habe] zur Auslösung der politischen Krise in Bonn«11 geführt und bedauerte die Rolle der SPD bei der »Revanchepolitik und der Restauration der Herrschaft des Monopolkapitals« der CDU/CSU in der Großen Koalition. Im Großteil seiner Rückschau auf das Jahr 1966 richtete Ulbricht den Blick nach innen. So räumte er im Bereich der Sozialpolitik beispielsweise Defizite ein, indem er feststellte, dass die Lebensbedingungen in der Gesellschaft noch immer unterschiedlich seien und dass die Hilfe für Alte und Kranke verbessert werden müsse. Tatsächlich lebten die meisten Rentnerinnen und Rentner in relativer Armut, da das Rentenniveau immer weiter zurückging. Ulbricht erwartete Besserung mit dem erhofften wirtschaftlichen Aufschwung – die jedoch nicht eintrat.12 Dagegen benannte er einen Fortschritt auf einem anderen sozialpolitischen Sektor in seiner Rückschau auf das vergangene Jahr nicht: Im April 1966 war das Familiengesetzbuch in Kraft getreten, das unter anderem die Gleichberechtigung der Frau in der Ehe versprach und Ehescheidungen erleichterte.13 Es ist in einer Reihe mit weiteren jugend- und bildungspolitischen Gesetzen zu sehen, die zum Ziel hatten, die sozialistische Gemeinschaft zu formen. Diese beschwor Ulbricht in seiner Neujahrsansprache und meinte feststellen zu können: »Wir verstehen uns immer besser. Wir haben gelernt, uns gegenseitig zu achten und zu schätzen. Wir haben gelernt, vertrauensvoll zusammenzuarbeiten und gemeinsam den Sozialismus zu errichten.«14 Ironischerweise hob er dabei lobend unter anderem diejenigen Gruppen hervor, die 1966 unter besonderer Beobachtung – auch der Stasi – standen: die Jugend, die Künstlerinnen und Künstler sowie die Gläubigen.15

2. Zentrale Themenfelder der Berichte

Die thematische Bandbreite der ZAIG-Informationen an die Staats- und Parteiführung ist eines ihrer auffälligsten Merkmale in den 1960er- und 1970er-Jahren. Der Jahrgang 1966 bildet dabei keine Ausnahme. Die Berichte verhandeln wirtschaftliche Themen, wie zum Beispiel Störungen, Brände, Unfälle und Havarien, aber auch Verhandlungen und Stimmungen auf der Leipziger Messe.16 Ein großer Teil informiert über Diskussionen und Aktivitäten in den Kirchenleitungen. Auch Vorfälle in der Nationalen Volksarmee, vereinzelt auch in der Volkspolizei und dem Wachregiment des MfS werden berichtet, sowie Zwischenfälle mit Westbürgerinnen und -bürgern oder Angehörigen alliierter Institutionen. Über 40 Informationen behandeln (versuchte) Fluchten, nicht wenige von ihnen mit tödlichem Ausgang. Auch Jugendliche standen 1966, ebenso wie im Vorjahr, im verstärkten Fokus der Stasi.

Das thematisch breite Spektrum der ZAIG-Informationen ist vermutlich auch auf das von Erich Mielke Anfang der 1960er-Jahre entworfene Selbstbild des MfS als »Generalkontrollbeauftragten der SED«17 zurückzuführen. Dem Minister für Staatssicherheit ging es dabei um eine umfassende Unterrichtung der SED auf allen ihm relevant erscheinenden Gebieten, denn nach Mielke hatte »[k]ein Organ in der DDR […] solche Möglichkeiten, um die Partei zu unterstützen, ihr zu helfen und Hinweise zu geben, wo mit welchen Methoden angepackt werden muss«18 – ein Anspruch, der trotz der inhaltlich breiten Aufstellung oft genug im Widerspruch zur Realität stand, da »das MfS mit seinen überbordenden Ressourcen die SED stets nur selektiv und mit wechselnden Schwerpunkten als Nachrichtengeber bediente«.19 Das bestätigt auch der Jahrgang 1966, und zwar anhand eines eigentlich staatstragenden Themas der DDR: dem Antifaschismus. Obwohl das MfS kontinuierlich Materialien zur NS-Vergangenheit sowohl von West- als auch von Ostdeutschen sammelte,20 schlägt sich diese Arbeit nicht in der ZAIG-Berichterstattung nieder. 1966 liefen in beiden deutschen Staaten Prozesse zur juristischen Ahndung von NS-Verbrechen. Aber von möglichen Diskussionen sowohl über den im September endenden zweiten Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main als auch über zwei Prozesse in der DDR gegen ehemaliges KZ-Personal ist weder im außen- noch im innenpolitischen Berichtsstrang des MfS die Rede.21 Dagegen informierte es über die vermeintliche oder tatsächliche NS-Affinität bei manchen Jugendlichen oder NVA-Angehörigen in einigen Berichten des Jahrgangs.22

Kernthema des MfS blieb hingegen der »feindliche Einfluss« des Westens auf die DDR. Dieser, im Sprachgebrauch der Stasi als »politisch-ideologische Diversion« bezeichneten »neuen Feindmethode« schenkten Partei und Staatssicherheit ab Ende der 1950er-Jahre besondere Aufmerksamkeit. Das MfS definierte die »PiD«, wie sie abgekürzt wurde, folgendermaßen: »Die ideologische Diversion ist die Methode des Feindes zur Zersetzung der Partei, um ihre führende Rolle beim Aufbau des Sozialismus zu beseitigen, zur Aufweichung der DDR und des ganzen sozialistischen Lagers.«23 Anders als ein direktes Einwirken westlicher Organisationen, beispielsweise durch Spionage oder Sabotage, stellte sich das MfS die »politisch-ideologische Diversion« als einen schleichenden »Aufweichungs-« oder »Zersetzungsprozess« vor, der die Mitglieder der Partei und die Bevölkerung der DDR in die Gefahr brachte, nonkonformes Gedankengut zu entwickeln. Jens Gieseke urteilt über die »PiD«: »Was als aktuelle Krisenreaktion [auf die Entstalinisierung – S.H.] begann, entwickelte sich zum wichtigsten überwachungsstaatlichen Leitgedanken und damit zum Lebenselixier der MfS-Präsenz«.24 Bis zu ihrer Auflösung blieb dieses Paradigma maßgeblich für die Arbeit der Staatssicherheit. In den Dokumenten des Jahrgangs 1966 scheint die »PiD« direkt oder indirekt immer wieder auf, zum Beispiel in der Thematisierung besonders dafür geeigneter Medien wie eingeschleuster »Hetzschriften« aus Westdeutschland oder westdeutscher Rundfunk- und Fernsehsendungen.25

Besonders gefährlich schien 1966 in den Augen der Stasi ein vermeintlicher oder tatsächlicher westlicher Einfluss auf die NVA. Viele Informationen des Jahrgangs berichten vor allem an den ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen Erich Honecker, aber auch an den Minister für Nationale Verteidigung Heinz Hoffmann von Gruppen oder einzelnen NVA-Angehörigen (in einigen Fällen aus den Offiziersrängen), die Kontakte zu westdeutschen oder Westberliner Polizisten, Zollbeamten, der Zivilbevölkerung oder alliierten Soldaten aufgenommen hatten.26 Aus der Aufzählung der vom MfS ermittelten Ursachen – die Berichte nennen mangelnde Disziplin und Ordnung, fehlende Kontrollen, »ungenügend überzeugende politische Erziehungsarbeit«, falsches Vertrauen der Vorgesetzten, »ständiges Abhören von Westsendern« – lässt sich ableiten, was die Staatssicherheit als wirksames Mittel erachtete und implizit anmahnte: Eine strenge ideologische Erziehung erwartete sie sowohl in der NVA als auch bei der Jugend allgemein von den verantwortlichen Staats- und Parteiorganen.27

Im tagespolitischen Geschehen des Jahres 1966 waren es nach Ansicht des MfS auch noch weitere Themen, die eine »verstärkte Einflussnahme und Wirksamkeit der politisch-ideologischen Diversion«28 begünstigten. Dazu gehörten kritische Diskussionen über die Beschlüsse des 11. Plenums des ZK der SED, der Dialog zwischen SED und SPD, Debatten aus Anlass des 20. Jahrestags der SED und zu den Maßnahmen der Preisregulierung im Kontext der Wirtschaftsreform. Auf einige dieser Schwerpunkte wird im Folgenden näher eingegangen.

2.1 Kultur- und Jugendpolitik nach dem 11. Plenum

Anfang Januar 1966 plante die Schulleitung der Polytechnischen Oberschule Gablenz mit Schülerinnen und Schülern der 8. bis 10. Klassen eine Diskussionsveranstaltung, auf der die Ergebnisse des 11. Plenums des ZK der SED ausgewertet werden sollten. Solche Rituale zur Durchsetzung der Parteipolitik gehörten in der DDR zum Alltag. Die Schulleitung hatte im Vorfeld einen Briefkasten aufgestellt, um Themen und Fragen zu sammeln. Freude über zahlreiche Zuschriften – 75 Beiträge von rund 100 Schülerinnen und Schülern waren eingegangen – kam allerdings nicht auf. Vielmehr führte der Inhalt des Briefkastens zu einer kurzen ZAIG-Information an Erich und Margot Honecker: Bis auf einen Zettel seien alle Meldungen anonym verfasst worden und enthielten durchweg »provokatorische« Forderungen: die Zulassung von westlicher Musik und Zeitschriften sowie James-Bond- und Beatles-Filmen. Auch sei die Abschaffung des obligatorischen Russisch-Unterrichts verlangt worden.29

Diese Begebenheit verdeutlicht: Die Wende in der Kultur- und Jugendpolitik des Jahres 1965 entfaltete 1966 ein großes Echo. Neben dem 11. Plenum waren es noch weitere Entwicklungen des Vorjahres, die im Berichtszeitraum wahrnehmbar wurden. So führte der im Oktober 1965 vom ZK der SED gefasste Beschluss »Zu einigen Fragen der Jugendarbeit und dem Auftreten von Rowdygruppen«30 zu einem repressiven Vorgehen gegen Heranwachsende und ihre Interessen, wenn diese nicht im Einklang mit dem normativen Bild standen, das beispielsweise in dem kurz zuvor verabschiedeten »Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem« vom sozialistischen Nachwuchs gezeichnet wurde.31 Auf Beschluss des ZK wies die SED die zuständigen Ministerien an, Beat-Bands die Lizenzen zu entziehen, eine große Beat-Demonstration in Leipzig wurde im Oktober 1965 mit Polizeigewalt beantwortet und viele Jugendliche wurden – auch in den ZAIG-Informationen des Jahrgangs 1966 – als »Gammler« und »Rowdys« diskriminiert und kriminalisiert.32

Die dem 11. Plenum folgenden Entlassungen von Jugend- und Kulturfunktionären, Verbote von Filmen und Theaterstücken sowie strenge Auflagen gegen Künstler und Intellektuelle wie Robert Havemann, Stefan Heym oder Wolf Biermann wurden 1966 vielerorts diskutiert33 und verursachten im Kulturbetrieb Verunsicherung, wie die ZAIG-Informationen ebenfalls zeigen.34 Beim Deutschen Fernsehfunk (DFF) habe es viele Diskussionen unter den verunsicherten Beschäftigten gegeben, wusste die Stasi zu berichten. Auf der Leitungsebene seien widersprüchliche Entscheidungen gefällt worden und auch die Qualität des Fernsehprogramms habe sich verschlechtert. Unter den Mitarbeitenden sei sogar eine »Witzewelle [entstanden], die sich gegen Äußerungen des Plenums richtete und die später durch verschiedene Maßnahmen der Leitung des DFF noch verstärkt wurde.«35 Auch unter Mitarbeitenden der DEFA und in der Kulturszene gab es Diskussionen, so zum Beispiel über die Absetzung des Films »Spur der Steine« von Frank Beyer.36 Am Beispiel dieses Films wird aber auch ersichtlich, dass die Verunsicherung über die kulturpolitische Linie der SED 1966 selbst auf den zentralen Ebenen der Partei um sich griff. Der auf dem gleichnamigen gefeierten Roman von Erik Neutsch basierende DEFA-Spielfilm über einen in die Kritik geratenen jungen Parteisekretär war bereits vor dem 11. Plenum im Rohschnitt fertig, wurde im Hinblick darauf aber noch einmal verändert. Von etwa März bis Juni 1966 diskutierten die zuständigen Gremien, die Hauptverwaltung Film und der Filmbeirat beim Ministerium für Kultur sowie die Kulturabteilung des ZK über die Zulassung. Die Kritik schwankte zwischen der Würdigung des künstlerischen Werks und der Sorge um ein negatives Bild der Partei. Der Film feierte Mitte Juni 1966 Premiere, wurde positiv von der Presse rezipiert und für die Filmfestspiele im tschechischen Karlovy Vary nominiert. Ende Juni, einen Tag vor seinem Start in den Kinos, beschlossen das Politbüro und das Sekretariat des ZK dann allerdings die Absetzung des Films. Offenbar über gezielte Störungen von ersten Vorführungen sollte eine Ablehnung durch das Publikum vorgespiegelt und damit das Verbot legitimiert werden.37

In der Jugendpolitik drängte die SED 1966 verstärkt darauf, die Jugend wieder in ihrem Sinne ideologisch zu festigen, für die Wirtschaft und den technischen Fortschritt zu ertüchtigen sowie für den Wehrdienst zu mobilisieren. Hierfür nahm sie die FDJ und andere Parteiorgane in die Pflicht.38 Im Herbst 1966 begann mit dem Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig eine empirisch und sozialwissenschaftlich ausgerichtete Forschungseinrichtung ihre Arbeit, die darin bestand, auf »hohem theoretischem und methodologischem Niveau«39 die Lebenswelt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 12 und 20 Jahren zu erforschen, um die Ergebnisse für die Entwicklung und Erziehung der Jugend im sozialistischen Sinn zu nutzen.

Flankierend zum restriktiven jugendpolitischen Kurs der Staats- und Parteiführung gab Erich Mielke im Mai 1966 mit dem Befehl Nr. 11/66 und der dazugehörigen Dienstanordnung Nr. 4/66 die Anweisung, die Beobachtung von Jugendlichen zu intensivieren.40 Dazu sollte der Austausch zwischen den zuständigen Dienststellen verstärkt und halbjährlich, erstmals ab dem 30. Juni 1966, regelmäßig an den Minister berichtet werden.41 Ein Ergebnis dieser Anweisung dürfte auch ein an die rechte Hand Walter Ulbrichts, den einflussreichen Sekretär des Staatsrats Otto Gotsche, abgesetzter ZAIG-Bericht sein, der eine Einschätzung zur Lage der Jugend im ersten Halbjahr 1966 gab.42 Neben den Einflüssen westlicher (Studenten-)Gruppierungen machte das MfS darin als größte Gefahrenquellen westliche (Unterhaltungs-)Medien sowie private Kontakte zwischen west- und ostdeutschen Jugendlichen aus. Jugendzeitschriften wie »Bravo«, »OK« oder »Musikparade« würden eine westliche Lebensweise verherrlichen. Der Bericht betonte jedoch auch, »dass nicht jede ideologische Unklarheit, negative Diskussion oder provokatorische Frage auf das Wirken der politisch-ideologischen Diversion des Gegners zurückzuführen sei.«43 Vielmehr benannte er Versäumnisse in der staatlichen und SED-Jugendarbeit und führte »Unklarheiten« der Jugend auch auf »bestimmte entwicklungsbedingte Schwierigkeiten und Widersprüche in der DDR« zurück. Der Bericht kritisierte strukturelle Probleme wie schlechte Qualifizierung und Bezahlung von in der Jugendarbeit Tätigen zum Beispiel in Jugendclub-Häusern.44 Er prangerte die Nichteinhaltung von Jugendschutzbestimmungen zum Beispiel durch Alkoholausschank45 oder schlicht fehlende Angebote für die Jugend an.

Wenn die Stasi hier aufzeigte, dass die Gefahr einer moralischen Korrumpierung des sozialistischen Nachwuchses nicht nur von außen kam und Probleme in den zuständigen Institutionen benannte, trat sie keinesfalls als Advokatin der Jugend auf. Ähnlich wie im Bereich der NVA deutete sie vielmehr Mängel in der Arbeit der verantwortlichen Staats- und Parteistellen an und forderte eine strengere Erziehung. Die »politisch-ideologische Diversion« blieb insbesondere im »Sicherungsbereich« Jugend weiterhin ein zentrales Leitthema. Das wird auch in der Dienstanordnung Nr. 4/66 mit ihrem paternalistischen Blick auf die Heranwachsenden und ihre Interessen und Bedürfnisse deutlich. So seien diese besonders gefährdet durch »bestimmte[..] psychologische[..] Besonderheiten des Jugendalters, wie mangelnde Lebenserfahrung, Unkenntnis des kapitalistischen Systems, Abenteuerlust, leichte Beeinflussbarkeit, übersteigertes Selbstbewusstsein u. a.«.46 Eigene Urteilsfähigkeit traute das Ministerium für Staatssicherheit jungen Menschen nicht zu. Die Dienstanordnung ist angefüllt mit rhetorischen Elementen aus dem Leitkonzept der »politisch-ideologischen Diversion«. So sah das MfS eine externe Bedrohung durch die »psychologische Kriegsführung« der Regierung der BRD, westlicher Geheimdienste, »Agentenzentralen« und »Zentren der ideologischen Diversion«. Zu deren Mitteln gehörten private Kontakte und Austausche über westdeutsche Jugendorganisationen, »Film-« und »Starclubs« sowie durch Kirchen und Medien. Eine »ideologische Zersetzung« lag vor, wenn Jugendliche und junge Erwachsene sich in kirchlichen Jugendgruppen zusammenfanden, »Hetzschriften« verteilten und andere »Erscheinungsformen der Unmoral, Störung von Ruhe und Ordnung, Alkoholmissbrauch bei so genannten Partys usw.«47 zeigten, den Wehrdienst verweigerten oder sich »westlich dekadent« kleideten und bestimmte Musik hörten. Eine solche negative Beeinflussung führte in der Logik der Staatssicherheit auch zu mehr Kriminalität.48 Diese konnte in manchen Fällen die Dimension der Staatsfeindlichkeit annehmen. So rückte das MfS beispielsweise den tätlichen Angriff von Jugendlichen auf den Hausmeister des Berliner Instituts für Marxismus-Leninismus in die Nähe einer staatsgefährdenden Handlung.49

Vor dem Hintergrund dieser Ausrichtung werden zahlreiche Informationen des Jahrgangs zum Beispiel über Jugendliche erklärlich, die selbstgefertigte Schriften verteilten,50 gefundene Weltkriegsmunition sammelten,51 sowie Informationen über von Kindern verursachte Brände in landwirtschaftlichen Betrieben52 oder über laute und pöbelnde Jugendgruppen in öffentlichen Räumen und auf Stadtfesten.53 Damit lieferte die Stasi die vermeintlichen Belege für die Richtigkeit der seit dem Herbst 1965 eingeschlagenen restriktiven Jugendpolitik der SED.

2.2 Die SED-Deutschlandpolitik im Jahr 1966

Der Grund für die Einstellung jeglicher Dialogbereitschaft seitens der SED und ihres in der Folge eingeschlagenen Abgrenzungskurses darf unter anderem in den ausbleibenden Signalen der westlichen Seite gesehen werden, sich in ihrer Deutschlandpolitik zu bewegen. Die SED-Spitze realisierte insbesondere während der Verhandlungen über die Fortführung der Passierscheinerteilung, dass sie ihrem Ziel einer Anerkennung der DDR im Westen nicht näher kam.

Am 5. Juni 1966 endete zu Pfingsten die letzte Besuchsperiode der Passierscheinvereinbarungen.54 Die zwischen Dezember 1963 und März 1966 auf einer unteren Verhandlungsebene getroffenen vier protokollarischen Übereinkünfte zwischen dem Westberliner Senat und der DDR-Regierung boten Besuchsmöglichkeiten innerhalb festgelegter Zeiträume für Westberliner Bürgerinnen und Bürger zu Ostberliner Verwandten, erstmals seit August 1961. Der SPD-geführte Senat setzte damit die von dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt und seinem Pressesprecher Egon Bahr eingeleitete »Politik der kleinen Schritte« um. Diese zielte auf einen »Wandel durch Annäherung« an die Ostblockstaaten ab. Mit der SED-Führung wollte man Vereinbarungen treffen, die zu praktischen Erleichterungen für die Bevölkerung, nicht jedoch zu einer juristischen Anerkennung der DDR führen sollten. Möglich wurde der Abschluss der Passierscheinvereinbarungen durch eine salvatorische Klausel, mit der sich beide Verhandlungsparteien darauf einigten, dass sie sich bezüglich der Amtsbezeichnungen nicht einigen konnten. Damit war auch die Bundesregierung einverstanden, die die Verhandlungen argwöhnisch beobachtet hatte.55

Ähnlich wie die Berichte zu den vergangenen Passierscheinvereinbarungen geben die ZAIG-Informationen zu den Besuchsperioden im Jahr 1966 statistische Überblicke zu Anträgen, Einreisen, Abweisungen sowie über mitgeführte deklarierte und nicht deklarierte Geschenke und Güter. Sie berichten über die Arbeit in den Passierscheinstellen und an den Grenzübergängen sowie über Beobachtungen und besondere Vorkommnisse, in einzelnen Fällen zum Beispiel über Verhaftungen von DDR-Bürgerinnen und -Bürgern sowie über das Verhalten der Westberliner Behörden, die Stimmung unter den Besucherinnen und Besuchern und das Medieninteresse. In den Berichten des Jahres 1966 fällt auf, dass die Einnahmen von äußerst willkommenen Devisen durch vorgeschriebene Mindestumtausche stärker betont wurden als in den Berichten der vorherigen Besuchsperioden. Den Ablauf der Abfertigung beschrieb das MfS meist als reibungslos.

Interessant ist, dass die Staatssicherheit ihre letzten beiden Abschlussberichte vom 23. April und 8. August 1966 zur Besuchsperiode an Ostern und Pfingsten mit einem Meinungsbild der Ost- und Westberliner Bevölkerung anreicherte.56 Das MfS behauptete, dass das Interesse an den Verwandtschaftsbesuchen auf Ostberliner Seite deutlich abgenommen habe, sogar in Ablehnung umschlagen würde. Begründet wurde dies laut des ZAIG-Berichts mit dem hohen Arbeitsaufwand für die gastgebende Seite, der in keinem Verhältnis zu den mitgebrachten Geschenken aus dem Westen stehe.57 Auch sei eine gegenseitige Entfremdung wahrzunehmen und es sei die Überfüllung von Ostberliner Ausflugszielen an den Feiertagen moniert worden.58 Ob das MfS mit solchen Berichten parteiseitige Überlegungen, die Verhandlungen auslaufen zu lassen, argumentativ unterstützen oder gar initiativ gegen eine Fortführung agitieren wollte, ist schwer zu sagen. Sicher dürfte jedoch sein, dass das Stimmungsbild nicht in allen Belangen der Realität entsprach, bedenkt man, dass die Passierscheine die einzige Möglichkeit waren, Westberliner Familienangehörige wiederzusehen. Denkbar ist, dass das MfS tatsächlich geäußerten Missmut stärker gewichtete und in eine allgemeine Kritik umdeutete. Die Unglaubwürdigkeit der geschilderten Stimmungen in ihrer Absolutheit wird dadurch unterstützt, dass die Westberliner Besuchenden vom MfS widersprüchlich portraitiert wurden, indem sie einerseits geäußert hätten, dass ihnen weniger Besuche ausreichen würden,59 ihnen andererseits aber die Festlegung auf die engen Zeitfenster der ausgehandelten Besuchsperiode missfielen und sie sich eine Ausdehnung der Besuchsmodalitäten wünschten.60

Mit dem Scheitern weiterer Passierscheinverhandlungen war die Mauer für sechs Jahre, bis zum Inkrafttreten des Transitabkommens im Jahr 1972, für die Westberliner Bevölkerung wieder so gut wie undurchlässig geworden. Lediglich in dringenden Familienangelegenheiten – den »Härtefällen« –, auf Einladung staatlicher Stellen oder im Rahmen von Geschäftsreisen, war es ihr möglich, in die DDR einzureisen.61

Wenige Monate vor dem 20. Jahrestag der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands richtete Walter Ulbricht am 7. Februar 1966 einen »offenen Brief« an die Delegierten des Parteitages der SPD und »an alle Mitglieder und Freunde der Sozialdemokratie in Westdeutschland«.62 Darin prognostizierte der SED-Parteichef, die SPD stünde am Scheideweg und müsse sich zwischen der Unterstützung des außen-, wirtschafts-, rüstungs- und deutschlandpolitischen Kurses der CDU/CSU oder einer Politik im Interesse der gesamten deutschen Arbeiterklasse entscheiden. Ulbricht rief dazu auf, gemeinsam in den Dialog über die Zukunft der Deutschlandpolitik zu treten: »Unbestreitbar scheint uns zu sein, dass die SPD die deutsche Frage allein nicht aus der Sackgasse herausholen kann. […] Wir geben offen zu, dass die SED allein die Deutschlandfrage auch nicht lösen kann. Aber die beiden größten Parteien Deutschlands könnten gemeinsam den entscheidenden Beitrag zur Lösung der Deutschlandfrage leisten, wenn sie wenigstens ein Mindestmaß an Annäherung und Übereinstimmung in den Fragen des Friedens und an Zusammenarbeit bei der Überwindung der Spaltung fänden.«63

Die Reaktion in der SPD war verhalten. Dennoch entschloss sich auf Drängen des stellvertretenden SPD-Vorsitzenden und späteren Ministers für gesamtdeutsche Fragen Herbert Wehner der Parteivorstand zu antworten. Bereits eine Woche nach Übergabe des Briefs erfuhr die SED-Spitze über einen geheimdiplomatischen Kanal von der Entscheidung.64 Die »offene Antwort« der SPD kam am 18. März 1966. Die Autoren betonten darin die verschiedenen Standpunkte zwischen SED und SPD, verwiesen auf das repressive Grenzregime der DDR und ihren Umgang mit dem Status Berlins und verwehrten sich einer Zusammenarbeit. Aber sie schlugen einen weitergefassten Meinungsaustausch vor, der alle Parteien des Bundestags und der Volkskammer einbeziehen sollte.65 Die Antwort war für die SED in jedem Fall ein Erfolg, da sie das erste Mal offiziell als Gesprächspartnerin der SPD-Parteiführung angenommen wurde.

Insgesamt gingen zwischen Februar und Mai 1966 drei »offene Briefe« der SED und zwei »offene Antworten« der SPD hin und her, die jeweils komplett im »Neuen Deutschland«66 – ein durchaus bemerkenswerter Vorgang – sowie im »Vorwärts«, dem Parteiorgan der SPD,67 abgedruckt wurden. Die SED hatte in ihrem zweiten Brief vom 25. März 1966 einen »Redneraustausch« in Karl-Marx-Stadt und Essen ins Gespräch gebracht. Die SPD quittierte dies am 15. April mit konkreten Vorschlägen für Termine im Mai und benannte drei Redner aus der Parteispitze: Willy Brandt, Herbert Wehner und Fritz Erler. Statt Essen schlug sie Hannover als westdeutschen Veranstaltungsort vor. Über die inoffiziellen Kanäle fragte die SPD nach den Plänen der SED über den Ablauf der beiden Veranstaltungen und teilte eigene Vorstellungen über den Besuch in der DDR mit, zum Beispiel was die Unterbringung, Pressetermine und den Aufbau des eigentlichen Rednerdisputs anging.68 Für den Termin in Hannover, teilte der Unterhändler der SPD seinem Gegenüber mit, würde die SPD-Spitze vermuten, dass Ulbricht »dort nicht gut ankomme« und empfahl »rhetorisch bessere Leute« aus dem Politbüro antreten zu lassen.69

Die SPD-Spitze war während des Briefwechsels und der Planungen für einen Redneraustausch bemüht, die Ernsthaftigkeit ihres deutschlandpolitischen Kurses zu demonstrieren, ohne ihren Kritikern Bilder und Argumente für den Vorwurf zu liefern, sie ließe sich von den Kommunisten vereinnahmen. Aber nicht nur vonseiten der SPD gab es widerstreitende Auffassungen über den Umgang mit dem Kontakt zur SED. Im Politbüro zweifelten ebenfalls Mitglieder wie Erich Honecker und der Berliner SED-Chef Paul Verner an dem Vorhaben, was von der Gegenseite durchaus registriert und in westlichen Medien thematisiert wurde. Das wiederum entging dem MfS nicht: »In den letzten Tagen werden unter der Bevölkerung der DDR verstärkt die Parolen der Feindsender verbreitet, wonach im Zusammenhang mit dem Briefwechsel SPD – SED unter den Politbüromitgliedern Differenzen aufgetreten seien. Auf der Grundlage der von den Feindsendern verbreiteten Meldungen wird erklärt, insbesondere die Genossen Fröhlich und Honecker hätten sich gegen eine Veröffentlichung der SPD-Antwort ausgesprochen.«70

Heike Amos, die die Verhandlungen auf geheimdiplomatischer Ebene näher beleuchtet hat, vermutet, dass die Benennung der SPD-Redner und die konkreten Vorschläge für das Procedere des Rednerdisputs für Verunsicherung im Politbüro gesorgt hätten. In technisch-protokollarischen Vorgesprächen drängten die SED-Vertreter, zu denen Paul Verner als Skeptiker des Redneraustauschs gehörte, darauf, die Termine in den Juli nach dem SPD-Parteitag zu verschieben.71 Er dürfte wie andere Gleichgesinnte im Politbüro mit der Absage Ende Juni aufgeatmet haben. Offenbar setzte sich die Auffassung durch, dass eine Bühne für SPD-Politiker in der DDR ein großes Risiko darstellte. Auch Walter Ulbricht rückte im Laufe des Juni von der Idee ab und schlug der SPD-Spitze stattdessen Gespräche ohne Öffentlichkeit vor.72

Die ZAIG informierte in zahlreichen Informationen engmaschig an die Staats- und Parteispitze. Dabei sind die meisten Berichte von der HV A verfasst und decken Stimmungen zum Briefwechsel aus Regierungskreisen der Bundesrepublik und innerhalb der SPD sowie Aktivitäten der Geheimdienste ab.73 Drei Berichte von Ende März, Mitte April und Juni befassen sich mit der Aufnahme des Briefwechsels in der Bevölkerung der DDR.74 Eine weitere Information fertigte die ZAIG zur Diskussion unter evangelischen Amtsträgern in der DDR.75 Von diesen vier Informationen ist nur die erste an die Staats- und Parteispitze abgesetzt worden, nämlich an Walter Ulbricht, Erich Honecker, Willi Stoph, Hermann Matern und Albert Norden. Darin konnte Ulbricht eine Bestätigung für seinen Vorschlag eines Redneraustauschs lesen: »Sehr aufgeschlossen werden in allen Kreisen der Bevölkerung die konkreten Vorschläge für eine Annährung, besonders hinsichtlich gemeinsamer Veranstaltungen in Karl-Marx-Stadt und Essen diskutiert«.76 Als Name eines geeigneten Redners für den Disput sei mehrfach der des Leiters der Agitations-Kommission des Politbüros gefallen: Albert Norden. Die ZAIG kam – vermutlich durchaus zutreffend – zu der Einschätzung, dass das Interesse der DDR-Bürgerinnen und -Bürger an dem Briefwechsel erst aufkam, als das SPD-Antwortschreiben veröffentlicht worden war. Die Analyse der ZAIG gab ein recht breites Stimmungsbild und viele kritische Äußerungen wieder.77 Neben den »negativen Argumentationen«, die ganz auf der Linie der SPD lagen, wurden auch solche Äußerungen benannt, in denen »zwar der Ton des SPD-Briefes und die darin enthaltene Ignorierung der SED-Vorschläge verurteilt werden, in denen aber gleichzeitig die Parolen bezüglich des Reiseverkehrs, des ›Schießbefehls‹ und der Berliner-Staatsgrenze eine gewisse Resonanz finden.«78

Die Informationen 275/66 und 447/66 waren zwar noch für die externe Verteilung vorgesehen, wurden jedoch aus unbekannten Gründen zurückgehalten. Information 467/66, die auf neun Tage vor der offiziellen Absage des Redneraustauschs datiert, wurde nur als interne Information im MfS verteilt – was angesichts einiger darin wiedergegebener Spekulationen über Spannungen im Politbüro und über eine eventuelle Nachfolge Walter Ulbrichts auch nicht verwundert.79 Die ZAIG konstatierte darin ein anhaltend hohes Interesse an dem Briefwechsel zwischen SED und SPD, das im Vergleich zu anderen tagespolitischen Ereignissen den größten Umfang eingenommen habe. Der Fokus lag auf dem anvisierten Redneraustausch: »Nach vorliegenden Einschätzungen steigen gegenwärtig in allen Bezirken Meinungsäußerungen, unbedingt nach Karl-Marx-Stadt fahren zu wollen. (Vor allem Äußerungen von Jugendlichen, Studenten, Arbeitern und solchen Personen, die gleichzeitig ihre Sympathie zur SPD-Führung ausdrücken.)«80 Das MfS gab auch Spekulationen über den Zutritt und die Zusammensetzung des Publikums bei der Veranstaltung sowie über etwaige Zensurmaßnahmen der Medien wieder. Auch seien einzelne Stimmen zu hören, die vermuteten, dass »die ›Kontaktpolitik‹ […] letztlich doch ohne Resultate [verlaufe] und […] lediglich aufrechterhalten [werde], um ›das Gesicht‹ vor den Mitgliedern der SED und der Bevölkerung ›zu wahren‹.«81

Das von der ZAIG erstellte Stimmungsbild wird zum Teil bestätigt durch einen anderen Berichtskanal: eine Information Kurt Hagers an die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros über eine Beratung, die er mit Bezirkssekretären für Agitation und Propaganda Anfang Juni 1966 führte.82 Aus Hagers Information liest sich die Ablehnung des Dialogs heraus. Er wiederholte mehrfach, der Briefwechsel habe zu »Illusionen« und »Spekulationen« in der Bevölkerung geführt, zum Beispiel über »Erleichterungen« oder eine baldige Wiedervereinigung. Anfangs sei mehr über die SED-Briefe gesprochen worden, dann jedoch – auch aufgrund einer Beeinflussung durch Westfernsehen und -rundfunk – über die Argumente der SPD: »Die Antworten der SPD wurden intensiver gelesen als unsere offenen Briefe. Besonders die Argumente über menschliche Erleichterungen wirken: ›Die SED geht ja doch nicht auf die Fragen der SPD ein, das sind aber die Fragen, die uns am Herzen liegen‹, ›Wenn es darum geht, mitzuarbeiten, spricht man mit uns, geht es aber ums Mitregieren, zum Beispiel um die Schließung der Grenzen, werden wir nicht gehört‹ (Karl-Marx-Stadt)«.83 In Karl-Marx-Stadt würde, laut Hager, über den Redneraustausch als »attraktives Ereignis« gesprochen sowie darüber diskutiert werden, ob die Veranstaltung nicht im Ernst-Thälmann-Stadion mit 40 000 Plätzen abgehalten werden könne. »Selbst bei Genossen (APO Schleifmaschinenwerk) gibt es die Meinung, man solle die SPD-Redner mit Blumen begrüßen.«84

Vielsagend ist, was die ZAIG im Juni schließlich mitteilte: »Den größten Umfang hinsichtlich der beiden vorgesehenen Versammlungen nehmen Spekulationen ein, ob die Veranstaltungen überhaupt stattfinden, verschoben oder kurzfristig abgesetzt werden«85 – und so kam es schließlich auch. Als Albert Norden die Termine am 29. Juni 1966 auf einer Pressekonferenz absagte und dies mit dem aus Sicht der SED nicht hinnehmbaren »Gesetz über die befristete Freistellung von der deutschen Gerichtsbarkeit« begründete, war die SPD-Spitze bereits informiert.86 Sie zeigte sich verärgert, dass das Gesetz als Vorwand genommen wurde, um den Redneraustausch abzusagen, obwohl der an den technischen Vorgesprächen beteiligte Paul Verner auf die Zusicherung eines sicheren Geleits bestanden habe.87 Das »Handschellengesetz«, wie es die Regierung der DDR nannte, erlaubte es der Bundesregierung unter Umständen, Deutsche, die nicht im Bundesgebiet wohnhaft waren, sich aber temporär dort aufhielten, von strafrechtlicher Verfolgung freizustellen. Es war extra aus Anlass des geplanten Redneraustauschs von der SPD eingebracht worden, um den SED-Politikern freies Geleit zuzusichern, denn schließlich sah sich die Bundesregierung aufgrund ihres Alleinvertretungsanspruchs auch juristisch zuständig für die Ahndung von in der DDR begangenen Straftaten.88 Die SED prangerte das Gesetz als juristischen Ausgriff der BRD auf Bürgerinnen und Bürger der DDR an. Der Abbruch der Verhandlungen um den Redneraustausch dürfte nicht wenige Bürgerinnen und Bürger der DDR enttäuscht haben, aber sie gingen offenbar bald zur Tagesordnung über. Schon im August ließ das MfS wissen, dass »Diskussionen zum Dialog zwischen SED – SPD sehr stark zurückgegangen sind und keinen wesentlichen Umfang mehr einnehmen.«89

Der Abbruch der Passierscheinverhandlungen und des Dialogs zwischen SED und SPD nahmen den Ende 1966 offiziell verkündeten Kurswechsel in der Deutschlandpolitik der SED vorweg. Dieser war auch eine Reaktion auf die sich verändernde Ostpolitik der BRD. Am 1. Dezember 1966 begann die unter der Führung Kurt Georg Kiesingers gebildete Große Koalition ihre Arbeit auf und bereits am 13. Dezember bot der neue Bundeskanzler in seiner Regierungserklärung allen Staaten des Ostblocks außer der DDR an, diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Damit löste sich Bonn von der bis dahin praktizierten Hallstein-Doktrin und der DDR drohte innerhalb der Warschauer-Pakt-Staaten die Isolation. In dieser Situation versuchte die SED die verbündeten Ostblockländer gegen das Bonner Angebot zu mobilisieren. 1967 einigten sich die Warschauer-Pakt-Staaten auf gemeinsame Bedingungen für die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen mit der Bundesrepublik, die für diese de facto nicht annehmbar waren.90 Im April 1967 formulierte das ZK der SED auf dem VII. Parteitag: »Eine Vereinigung zwischen einem imperialistischen und militaristischen Westdeutschland und dem sozialistischen deutschen Friedensstaat, der souveränen DDR, ist undenkbar. […] Die herrschenden Kreise in Bonn haben sogar die Herstellung normaler Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten blockiert.«91 Nach einem Jahr der signalisierten Dialogbereitschaft setzte die SED – nicht zuletzt als Reaktion auf die deutschlandpolitischen Weichenstellungen der Großen Koalition – auf Abgrenzung.

2.3 Die Wirtschaft in der zweiten Etappe des NÖS

Das drei Jahre zuvor verkündete »Neue ökonomische System der Planung und Leitung« (NÖSPL oder auch NÖS) startete 1966 in seine zweite Etappe. Kernpunkte des Wirtschaftsreformprogramms waren eine Industriepreisreform und die Einführung »ökonomischer Hebel«, die die wirtschaftliche Ordnungsgröße »Gewinn« in das sozialistische Planwirtschaftssystem implementierte und für die Vereinigungen Volkseigener Betriebe (VVB), die einen größeren Handlungsspielraum erhielten, einen Anreiz bilden sollte, ihre Produktivität zu steigern und Rücklagen für Investitionen und Bonuszahlungen zu bilden. Die ab 1964 in drei Schritten realisierte Industriepreisreform hatte zum Ziel, festgelegte Preise für Roh- und Grundstoffe, für Halbfabrikate sowie für Fertigwaren entsprechend ihren realen Produktionskosten neu zu berechnen und anzupassen. Damit sollten Subventionen vermieden werden.92

Im Urteil des Wirtschaftshistorikers Jörg Roesler besaß das Jahr 1966 eine besondere Bedeutung für das NÖS, denn es sollte sich entscheiden, ob das Reformprogramm weitergeführt oder sich seine Gegner im Politbüro durchsetzen würden.93 Im Laufe des Jahres 1965 war die Kritik an der Reform und einem ihrer wichtigsten Protagonisten, Erich Apel, immer lauter geworden. Dem Leiter der Staatlichen Plankommission wurde in mehreren Politbürositzungen mangelhafte Leitungstätigkeit und ein Abweichen vom wirtschaftlichen Kurs der Partei vorgeworfen.94 Apel nahm sich am 3. Dezember 1965 unter nicht ganz geklärten Umständen in seinem Dienstzimmer das Leben – an demselben Tag, an dem ein Vertrag für ein langfristiges Handelsabkommen mit der Sowjetunion unterzeichnet wurde, das er als unvorteilhaft für die DDR kritisiert hatte.95

Mit dem Einläuten der zweiten Etappe des NÖS sieht Roesler den Reformkurs 1966 fortgesetzt. So sei durch die Umsetzung eines Staatsratsbeschlusses vom Beginn des Jahres die Wirtschaftsplanung weiter dezentralisiert und mehr Verantwortung in die Betriebe gegeben worden.96 Auch der erst 1961 gebildete Volkswirtschaftsrat, der für die Planung und Lenkung der Industrie, für Kooperationsbeziehungen zwischen den Betrieben und ihre Materialversorgung zuständig war, wurde Ende 1965 wieder aufgelöst. Seine Zuständigkeiten wurden auf acht bzw. neun Ministerien aufgeteilt, die die branchenspezifische Anleitung der VVB übernahmen.97 Entsprechend bezog die ZAIG die neuen Ministerien in die Belieferung ihrer Informationen mit ein.98

Über Meinungen in der Bevölkerung zum NÖS ist in den ZAIG-Informationen sehr wenig zu lesen. Lediglich zu der 1966 einsetzenden Preisänderung für Fertigwaren ließ das MfS wissen: »Die Diskussionen lassen erkennen, dass die Preisregulierung teilweise nicht verstanden und infolgedessen abgelehnt wird. Charakteristisch ist, dass diese ökonomische Maßnahme nicht als Preisregulierung, sondern als Preiserhöhung angesehen wird. […] Andererseits wird häufig die Veröffentlichung des Zahlenmaterials hinsichtlich der Erhöhung der Kaufkraft der Bevölkerung um 50 Mio. MDN mit Skepsis aufgenommen bzw. direkt als ›unwahr‹ abgelehnt.«99 Offenbar trauten die Werktätigen den Nachrichten über einen wirtschaftlichen Aufschwung nicht, zumal sie für viele Produkte nun mehr bezahlen mussten. Auch wenn durch die Wirtschaftsreform die Zuwachsraten leicht stiegen und eine anfängliche Aufbruchsstimmung zu verzeichnen war, hielten die Schwierigkeiten bei der Bereitstellung und Verteilung von Materialien an.100 In den Betrieben mussten die Mitarbeitenden ständig kreativ mit dem Ressourcenmangel umgehen.101

Auf den Start des NÖS hatte die für den Sicherungsbereich Wirtschaft zuständige HA XVIII (bis dahin HA III) mit einer Umstrukturierung reagiert. Ab 1964 organisierte sie die operative Arbeit nicht mehr territorial, sondern branchenspezifisch, analog zu den Industriezweigen.102 Im Jahr 1966 wurde diese »NÖS-Richtlinie« mit zwei Durchführungsbestimmungen angepasst: Nach der Auflösung des Volkswirtschaftsrats waren in der HA XVIII die Fachreferate zu einer stärkeren geheimdienstlichen Kontrolle der jeweiligen Industrieministerien angehalten. Auch die Außenwirtschaftstätigkeit sollte intensiver überwacht werden.103 In der dritten Durchführungsbestimmung zur NÖS-Richtlinie wurde die Arbeit der sogenannten Sicherheitsbeauftragten geregelt.104 Als Gegenimpuls zur Übertragung von Verantwortung auf die dezentrale Ebene der Betriebe in der zweiten Etappe des NÖS wurde dieses zentrale staatliche Kontrollelement neu eingeführt. Die Ministerratsverfügung Nr. 136/66 vom 14. Juli 1966 sah den »Aufbau eines Systems der Sicherheitsbeauftragten in der Industrie und dem Bauwesen« vor. Die Aufgabe der zentral vom Leiter der »Arbeitsgruppe Organisation und Inspektion« beim Ministerrat koordinierten Sicherheitsinspekteure war es, vor Ort die Sicherheit und Ordnung in den Betrieben zu überwachen. Tatsächlich besaßen sie in den meisten Fällen neben ihrer offiziellen noch eine inoffizielle Funktion – und zwar im Dienst des MfS als »Offiziere im besonderen Einsatz« (OibE).105 Neben seinem IM-Netz und offiziellen Kommunikationswegen verfügte das MfS somit ab 1966 über einen neuen Weg der sicherheitsdienstlichen (und ökonomischen) Überwachung in den Betrieben.

Im Sinn eines »Generalkontrollorgans« übernahm die Staatssicherheit insbesondere im Wirtschaftsbereich ein weitgefasstes Aufgabenportfolio. In mindestens zwei verschiedenen Rollen trat sie als Akteurin innerhalb der Planwirtschaft der DDR auf: als Nachrichtendienst, der die Zuverlässigkeit von Kadern überprüfte und mit der Aufklärung von Sabotageakten von außen und innen befasst war sowie als strafrechtliches Untersuchungsorgan, das neben der Volkspolizei bei Unfällen und (vermuteten) Wirtschaftsdelikten ermittelte.106 Darüber hinaus erstellte sie Ursachenanalysen, Firmendossiers und Marktstudien, lieferte Vorschläge für das interne Management und interessierte sich für alle Belange der Betriebe. »Dabei verfolgten die Offiziere stets den Anspruch, neben der Feind- und Verbrechensbekämpfung auch als positiver Mitgestalter der sozialistischen Wirtschaftsorganisation anzutreten.«,107 konstatiert Mark Schiefer für die 1970er- und 1980er-Jahre. Ein Befund, der auch von den Berichten des Jahrgangs 1966 bestätigt wird. Beispielsweise informierte die ZAIG mehrfach über das prestigeträchtige Großprojekt der DDR-Wirtschaft, das Gaskombinat Schwarze Pumpe bei Spremberg.108 In Information 303/66 vom 30. April 1966 wurde nicht nur über Schadensgeschehen, die Diskussionen unter den Beschäftigten und den Umgang mit den Problemen auf den Leitungsebenen unterrichtet, sondern ausführlich die Entwicklungs- und Bauhistorie referiert und mit Verweisen auf fachliche Einschätzungen mögliche Problemursachen aufgezeigt. Die Information berichtet auch von hemmenden Faktoren für die Exportfähigkeit und empfahl am Ende unter anderem, dass sich der Ministerrat mit den Zuständen im Druckgaswerk auseinandersetzen solle. Tatsächlich fasste dieser Ende Mai dazu einen Beschluss.109

Es ist auffällig, dass das MfS als Ursache der Probleme in den Industrieunternehmen, die meist nicht nur einen hohen Schaden, sondern auch Versorgungsengpässe verursachten, in keinem einzigen Fall der Informationen des Jahrgangs Sabotageakte als Ursache nannte. Vielmehr wies es auf objektive technische Probleme, Materialfehler und -ermüdung oder menschliches Versagen hin.110 In einem Fall wandte sich das MfS sogar energisch gegen den vonseiten des zuständigen Ministeriums in den Raum gestellten Vorwurf der Sabotage: Das Transformatorenwerk Oberschöneweide (TRO) »Karl Liebknecht« fertigte 1965/66 in Rummelsburg Stufenschalter für einen Betrieb im ukrainischen Saporischschja, der an der Errichtung des Wasserkraftwerks im ägyptischen Assuan beteiligt war. Im Herbst 1966 stellte sich heraus, dass das TRO seine Lieferzusagen nicht würde einhalten können, zumal bereits gelieferte Stufenschalter von der sowjetischen Seite als fehlerhaft reklamiert worden waren. Am 21. November 1966 informierte Horst Sölle, der Minister für Außenhandel und Innerdeutschen Handel (MAI), den Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrats Wolfgang Rauchfuß über den Stand der Lieferungen von Stufenschaltern durch das TRO. An den Schluss der Information stellte er einen »internen Hinweis«, den der Sonderbeauftragte des Ministeriums für Elektrotechnik und Elektronik dem MAI gegeben habe, nachdem »seit etwa 14 Tagen […] offensichtlich [sei], dass im TRO Sabotage getrieben«111 werde. Wenige Tage später, am 24. November 1966, waren die Lieferschwierigkeiten Thema im Ministerrat, wofür das Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik vorab einen Bericht einreichte, in dem es neben anderen Gründen für die Probleme auch noch einmal die Ursache »Feindtätigkeit« wiederholte.112 Diesen Bericht scheint der Ministerrat vorab dem MfS zur Stellungnahme gegeben zu haben, denn ebenfalls vom 24. November 1966 datiert die ZAIG-Information 907/66, in der mit direktem Bezug auf den Bericht dem darin geschilderten Sachverhalt der Feindtätigkeit energisch widersprochen wird: Beispiele vermeintlicher Sabotagehandlungen erklärte das MfS mit falscher Materialanlieferung oder gängigen Mängeln in der Produktion, die im Produktionsprozess bereits erkannt worden seien. »Als einzige feindliche Handlung wurde im Werkteil Rummelsburg am 30.10.1966 in der Toilette eine Hetzschmiererei gegen den Vorsitzenden des Staatsrates festgestellt«, heißt es in der Information. Sie schließt stattdessen mit einem Seitenhieb auf das Ministerium und die dem TRO übergeordnete VVB: »Nach Auffassung des MfS sind die in der Vorlage des Ministers für Elektrotechnik und Elektronik enthaltenen Feststellungen über wiederholt nachgewiesene Feindtätigkeit im Zusammenhang mit dem Exportauftrag als ein Versuch zu werten, von den eigentlichen Ursachen und begünstigenden Bedingungen wie Schwächen und Missstände in der Leitungstätigkeit, in der Arbeitsorganisation und Fertigung des Betriebes, mangelnde Unterstützung und Kontrolle der VVB und des Ministeriums und ähnlichen Erscheinungen – wie sie in der Vorlage auch teilweise angesprochen werden – abzulenken.«113

2.4 Die Kirchenpolitik – Auf Konfrontationskurs

Bei den Überwachungsaufgaben der HA XX im Bereich der Kirche stand im Jahr 1966 die evangelische Kirche im Fokus, und zwar die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg, in der ein neuer Bischof gewählt wurde. Als diejenige Landeskirche, deren Gemeinden auf den Territorien beider deutscher Staaten lagen, war sie auch ein Schauplatz für deutschlandpolitische Auseinandersetzungen zwischen dem widerstreitenden Anspruch der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), eine gesamtdeutsche kirchliche Einheit zu repräsentieren,114 und dem Bestreben der Staats- und Parteiführung der DDR, die östlichen Landeskirchen dem westlichen Einfluss zu entziehen. Der Ausgang der Bischofswahl im Februar 1966 markiert einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu der 1969 vollzogenen juristischen und administrativen Teilung der Evangelischen Kirche in Deutschland durch die Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Aber auch auf anderen Ebenen und mit weiteren thematischen Schwerpunkten stand die evangelische Kirche im Fokus des MfS. So lösten insbesondere zwei Schriften, die bereits 1965 erschienen waren, Konflikte aus: zum einen die nur für den internen Diskurs gedachte »Handreichung zum Friedensdienst der Kirche« der Landeskirchen in der DDR,115 zum anderen die über die Grenzen beider deutscher Staaten hinweg diskutierte Denkschrift der EKD zur »Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn«. Letztere hinterfragte die gebietsrevisionistischen Forderungen nach den ehemals deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße zugunsten einer Versöhnung mit Polen 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.116

Über die katholische Kirche in der DDR findet sich nur eine ZAIG-Information zu den Neujahrspredigten der Bischöfe Alfred Bengsch und Otto Spülbeck.117 Diese Leerstelle hinterlässt den Eindruck, in den katholischen Gemeinden der DDR sei im Jahr 1966 nichts passiert.118 Dabei war auch in der katholischen Kirche der Nachhall des Jahres 1965 mit dem Ende des Zweiten Vatikanums zu spüren. Mit seinen Impulsen für die Bibelexegese dürfte es auch in der DDR Diskussionen ausgelöst haben, ebenso wie ein Angebot der Versöhnung, das die polnischen Bischöfe ihren deutschen Amtskollegen im November 1965 am Rande des Konzils gemacht hatten.119 Die damit einhergehenden Debatten werden auch in den kleinen katholischen Gemeinden der DDR heftig diskutiert worden sein – waren dort schließlich auch Menschen versammelt, die 1945 aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern in die spätere DDR gekommen waren.120 Andere Religionsgemeinschaften, wie freireligiöse Gemeinden, die Zeugen Jehovas oder die jüdische Gemeinde, liefen 1966 unter dem Radar des ZAIG-Berichtswesens.121

In der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg hatte sich eine Ablösung ihres Bischofs Otto Dibelius wegen seines schlechten Gesundheitszustandes in den Vorjahren bereits abgezeichnet. Als Nachfolger des 85-Jährigen, der aufgrund seines antikommunistischen Kurses von der Staats- und Parteiführung der DDR abgelehnt wurde und ab 1961 wegen eines Einreiseverbots nicht mehr den ostdeutschen Bereich seiner Landeskirche besuchen konnte, hatte die Berlin-Brandenburgische Kirchenleitung seinen Vertreter Kurt Scharf im Blick. Kurt Scharf hatte 1961 von Dibelius bereits das Amt des EKD-Ratsvorsitzenden übernommen und sollte den Bischof im östlichen Teil der Landeskirche vertreten. Allerdings wurde er am 31. August 1961 nach einem Besuch in Westberlin nicht mehr über die Grenze zu seiner Wohnung in Ostberlin gelassen. Die SED warf ihm vor, den 1957 von Dibelius mit der Regierung Adenauer geschlossenen Militärseelsorgevertrag für die Bundeswehr mitzutragen.

Für die Regierung der DDR war die Wahl Kurt Scharfs am 15. Februar 1966 zum neuen Bischof der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg ein Affront. Auf der zweigeteilten Landessynode wurde er mit 195 zu 21 Stimmen bei 18 Enthaltungen und einer ungültigen Stimme ohne Gegenkandidaten gewählt. Interventionen durch die Räte der Kreise und Stadtbezirke bei den ostdeutschen Synodalen im Vorfeld der Wahl blieben wirkungslos.122 Hinter den Kulissen stellten sich die Funktionäre vermutlich die Frage, ob die Wahl hätte verhindert werden können, wenn im Vorfeld die Situation anders eingeschätzt worden wäre. Selbstkritisch räumten die Arbeitsgruppe Kirchenfragen im Politbüro und der Staatssekretär für Kirchenfragen Hans Seigewasser nach der Wahl ein: »Bei einer Kontrollberatung mit den Bezirken am 7.2.1966 und in der Zeit bis zum Beginn der Synode wurde durch die Bezirke und die Dienststelle des Staatssekretärs für Kirchenfragen ungenügend die aufgezeigte Situation beachtet. Der Druck der gegnerischen Kräfte wurde unterschätzt. Es wurde ungenügend berücksichtigt, dass selbst Teile der progressiven Geistlichen die Person Scharfs positiv einschätzen und in seiner Wahl zum Bischof keinen Affront gegen die DDR sehen, sondern im Gegenteil eine Möglichkeit zur politischen Entspannung.«123

Der Generalsuperintendent der Neumark und der Niederlausitz und nebenamtlicher Bischofsverwalter Günter Jacob hatte am 7. Januar 1966 im Auftrag der Kirchenleitung den Staatssekretär für Kirchenfragen von dem bevorstehenden Rücktritt von Otto Dibelius unterrichtet. Er hatte ihm einen Brief der Kirchenleitung an den Ministerpräsidenten übergeben, in dem die Kandidatur Kurt Scharfs bekannt gegeben und darum gebeten wurde, diesem die Rückkehr nach Ostberlin zu ermöglichen.124 Über das Gespräch berichtete die ZAIG einen Tag später an Erich Honecker, Willi Stoph, Paul Verner und Willi Barth.125 Sie erinnerte in der Information daran, dass sie bereits 1965 über die Pläne der Landeskirchenleitung berichtet hatte, Kurt Scharf als Bischofsnachfolger in Stellung zu bringen.126 Allerdings kam sie in der Information auch zu einer eklatante Fehleinschätzung über die Stimmung unter den Synodalen: »Aus Kreisen von Synodalen der Hauptstadt der DDR wurde im Zusammenhang mit der bevorstehenden Synode bekannt, dass eine Wahl Scharfs zum neuen Bischof kaum für möglich gehalten wird. Angeblich hätte er selbst in Westberlin wenig Chancen, da die CDU-Mitglieder unter den Westberliner Synodalen Scharf als Brandt-Anhänger bezeichnen und seine Wahl deshalb ablehnen.«127 Dass es weitere aussichtsreiche Kandidaten gäbe, die angeblich diskutiert würden, traf offenbar nicht zu. Hans Seigewasser versuchte zwar, Generalsuperintendent Günter Jacob in einem vertraulichen Gespräch am 20. Januar 1966 zu einer Kandidatur zu bewegen,128 aber dieser erhoffte sich – offenbar nach einer Absprache mit Kurt Scharf – im Nachgang der Wahl als hauptamtlicher Bischofsverwalter auf Lebenszeit eingesetzt zu werden.129 Der Staatssekretär und die Arbeitsgruppe Kirchenfragen beim ZK der SED führten die erfolgreiche Wahl Scharfs auf »unwahre Behauptungen« über eine Rückkehrmöglichkeit für den Landesbischof und Präses der EKD in die DDR zurück – dies hatte Seigewasser nach einem Beschluss des Politbüros vom 18. Januar 1966 in einem Gespräch mit der Kirchenleitung bereits ausgeschlossen – sowie auf die »Kapitulation« Günter Jacobs, dessen abwartende Haltung die »progressiven« Kräfte in der Synode verwirrt hätte. Die ZAIG berichtete über die Synode selbst in nur einer Information an Willi Stoph, Paul Verner und Willi Barth.130 Dagegen informierte das MfS auf anderer Ebene engmaschiger. Auch die Arbeitsgruppe für Kirchenfragen und Staatssekretär Seigewasser waren vom Ablauf der Synode genauer informiert, wie die Parallelüberlieferung des Zentralkomitees im Bundesarchiv nahelegt.131

In einer Pressemeldung erklärte die Staatsführung, dass die Wahl für sie ohne Wirkung sei.132 Zukünftig sollten staatliche Gespräche nur noch auf der Ebene der Generalsuperintendenten der Berlin-Brandenburgischen Evangelischen Landeskirche erfolgen. Und es wurden weitere Sanktionsmöglichkeiten beraten, wie zum Beispiel die Einschränkungen von Reisegenehmigungen für Scharf-freundliche Synodale und Kirchenleitungsmitglieder und strengere Entscheidungen über die Einfuhr von Geschenksendungen. Im Juni 1966 entzog Kurt Blecha, der Leiter des Presseamts beim Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, dem Amtsblatt der evangelischen Kirche die Lizenz. Einreisen für zahlreiche Geistliche in die DDR wurden erschwert, eine Kirchenratssitzung der EKD in Ostberlin sogar verhindert.133

Als einen der »massivsten Versuche […] auf Fragen der Verteidigungsbereitschaft und der Wehrpflicht in der DDR Einfluss auszuüben«134 bewertete die Arbeitsgruppe für Kirchenfragen im ZK der SED die »Handreichung zum Friedensdienst der Kirche« der evangelischen Landeskirchen in der DDR. 1965 hatte eine Arbeitsgruppe um den Bischof der Kirchenprovinz Sachsen Johannes Jänicke ein Grundsatzpapier ausgearbeitet, das Seelsorgern eine Hilfestellung bei der Betreuung von wehrpflichtigen Christen an die Hand geben sollte. Die Wehrpflicht war 1962 in der DDR eingeführt worden. Zwei Jahre später kam nach anhaltenden Protesten eine waffenlose Alternative in sogenannten Bausoldateneinheiten hinzu. Diese besaß jedoch nicht den Charakter eines zivilen Ersatzdienstes, da die in den Bataillonen eingesetzten Bausoldaten militärischer Objekte errichten und ebenfalls einen Treueeid ableisten sollten.

Die Handreichung zirkulierte unterschiedlich intensiv in den acht DDR-Landeskirchen, da den Kirchenleitungen die Distribution selbst überlassen wurde. Während die Leitung der Kirchenprovinz Sachsen nach Kenntnis der Staatssicherheit 2 520 Exemplare herstellen ließ, habe die thüringische Landeskirche unter ihrem SED-nahen Bischof Moritz Mitzenheim lediglich ein Exemplar an die Superintendenten mit einem ablehnenden Begleitschreiben versandt.135 In mehreren Gesprächen im März und Juni 1966, die von den Kirchenvertretern als unangenehm beschrieben wurden, drängte der Staatssekretär für Kirchenfragen zum Teil in Anwesenheit des stellvertretenden Verteidigungsministers Waldemar Werner und des Militäroberstaatsanwalts Alfred Leibner darauf, dass die Handreichung zurückgezogen werden müsse.136 Die kirchliche Seite sah die Handreichung als politische Positionierung missverstanden und betonte, sowohl intern als auch gegenüber den Staats- und Parteivertretern, deren innerkirchlichen Charakter einer Hilfestellung bei der Seelsorge.137 Einigkeit herrschte in den Leitungen der acht Landeskirchen jedoch nicht. Die ZAIG berichtete in mehreren Informationen über die kircheninternen Diskussionen zum Umgang mit der Handreichung.138

Neben der Bischofswahl war es 1966 auch diese Handreichung, die die Konflikte zwischen dem Staat und den acht evangelischen Landeskirchen in der DDR weiter verschärfte. Verstärkt in der zweiten Jahreshälfte beklagten die kirchlichen Vertreter Repressalien und eine Verschlechterung ihrer Beziehungen zu den staatlichen- und Parteistellen. Auch nahmen sie einen erhöhten Druck auf christliche Eltern und Kinder in ihren Gemeinden wahr.139 Das MfS plädierte für einen harten Kurs gegenüber den Kirchenleitungen: »Es wird vorgeschlagen, dass die zuständigen staatlichen Organe erneut mit einigen kompetenten Vertretern der Evangelischen Kirche der DDR eine Aussprache führen, in der sie auf ihre Rechte und Pflichten und auf eventuelle Konsequenzen, die sich aus dem Missbrauch der Handreichung ergeben, aufmerksam gemacht werden.«140 Ein Jahr vor dem bevorstehenden 450. Jubiläum der Reformation war das Verhältnis zwischen der Regierung der DDR und der evangelischen Kirche auf einem Tiefpunkt.

2.5 Fluchten

Unter den Stichworten »Fahnenflucht«, »Grenzdurchbruch«, »Republikflucht« und »Schleusung« finden sich im Jahrgang 1966, fünf Jahre nach Errichtung der Berliner Mauer, zahlreiche Informationen, die von verschiedenen Versuchen handeln, die DDR zu verlassen, ob allein, zu zweit oder in Gruppen, zu Fuß, schwimmend oder motorisiert, auf eigene Faust oder mit Hilfe von Dritten. Viele dieser Versuche glückten; nicht wenige endeten mit (schweren) Verletzungen oder tödlich.141

Auch wenn die Berichte über Fluchten und Fluchtversuche von NVA-Angehörigen und Zivilpersonen einen beträchtlichen Anteil der Informationen des vorliegenden Jahrgangs ausmachen, decken sie nur einen Bruchteil der gesamten Fälle ab. Laut ZAIG verließen im Jahr 1966 insgesamt 4 047 Personen die DDR »ungesetzlich« (1965 waren es noch 5 976).142 Ein Muster, das erhellen könnte, welche Fluchtereignisse das MfS an die Staats- und Parteiführung meldete und welche nicht, ist nicht erkennbar. Eine Erklärung für die selektive Informationsauswahl liegt vermutlich in dem parallelen Berichtswesen anderer Sicherheitsorgane. Im Fall von Grenzzwischenfällen ermittelten auch die Streitkräfte, was mitunter zu einer doppelten Berichterstattung führte und, wie Stephan Wolf hervorhebt, unter Umständen zu Irritationen führen konnte, wenn die Darstellungen voneinander abwichen oder von einer Seite nicht berichtet wurde.143 Obwohl im Fall einer spektakulären Flucht 1966 das MfS seinen Bericht erst nach den Meldungen der Westpresse an Honecker sandte, war es der Verteidigungsminister, der sich rechtfertigen musste, warum sein Ministerium dem ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen nicht zeitnah und persönlich berichtet hatte:144 Am Morgen des 11. September 1966 durchbrach eine Planierraupe die Grenze bei Staaken zu Berlin-Spandau. In der engen Fahrerkabine saßen fünf Personen: zwei Ehepaare und ein dreijähriges Kind. Die beiden Männer waren Arbeitskollegen auf einer nahegelegenen Baustelle, wo sie die Planierraupe heimlich mit Stahlplatten verstärkt hatten, um sich bei ihrer Flucht vor dem Maschinengewehrfeuer zu schützen. Einige Kugeln drangen dennoch in das Fahrerhaus ein und verletzten die Insassen. Die Planierraupe durchbrach die Drahtsperre und blieb dann, gebremst durch einen Baum, liegen. Die Insassen flüchteten in ein nahegelegenes Haus im Westsektor. Mehrere Tage berichteten der SFB und die Zeitungen »B.Z.« und »Bild« über die Flucht. Die ZAIG setzte am 12. und 13. September1966 zwei Informationen an Honecker ab.145

Über die persönlichen Motive und Hintergründe, die die Flüchtenden auf den risikoreichen Weg über die Grenze trieben, erfahren wir in den Informationen der ZAIG wenig – auch wenn das MfS in den oftmals formelhaft aufgebauten Berichten über Fluchthergang und Ermittlungsstände fast immer auch einen Abschnitt einbaute, der Näheres zu den Personen ausführte und damit in manchen Fällen Gründe andeutete. Quellenkritisch sind die ZAIG-Informationen in dieser Hinsicht mit Vorsicht zu betrachten, denn auch wenn das MfS zum Teil sehr intime Einblicke in das Privatleben der Betroffenen nahm, beurteilte es diese schablonenartig mit Blick auf deren sozialen Hintergrund, Leumund und Lebenswandel. So unterstellte beispielsweise die ZAIG in der Information 3/66, dass die gemeinschaftliche Flucht eines Unteroffiziers der Grenztruppe bei Staaken mit seiner Verlobten von dieser initiiert worden sei. Das MfS zeichnete von der jungen Frau ein diffamierendes Bild und legte nahe, dass sie den Unteroffizier, über den in der NVA »bis auf eine gewisse Neigung zu übermäßigem Alkoholgenuss keine negativen Hinweise«146 vorgelegen hätten, beeinflusst habe. Das Lesen solcher Berichte vermittelt einen erwartbar eindimensionalen Blick der Stasi auf die Flüchtenden. Oftmals stellte sie diese betont negativ dar, indem sie »Arbeitsbummelei«, »Rowdy-« oder »Gammlertum« unterstellte sowie eine vermeintliche oder tatsächliche antikommunistische oder faschistische Einstellung hervorhob oder eine ablehnende Haltung gegenüber der DDR. Wenig überraschend betrachtete das MfS die Flüchtenden durch die ihm eigentümliche Optik eines Geheimdienstes, dessen Auftrag »Feindbekämpfung« war.147 Dabei ist die Diskrepanz zwischen den genretypisch bürokratisch-nüchternen Beschreibungen von zum Teil dramatischem Geschehen und dem, wie die Betroffenen die Ausnahmesituationen erlebt haben mögen, schon fast entlarvend für diese sicherheitsdienstlichen Berichte über Fluchtereignisse.

Ebenfalls ist die vom MfS angegebene Motivlage in Fällen von »Schleusungen« zu hinterfragen. Irreführend ist beispielsweise die Information 214/66: Sie informiert »über die Festnahme eines iranischen Staatsbürgers wegen versuchter Schleusung von Bürgern der DDR nach Westdeutschland«. Der Plural im Titel der Information suggeriert, dass es sich um mehrere Personen gehandelt habe, auch wenn in der wenig aussagekräftigen Information nur von einer einzigen DDR-Bürgerin die Rede ist, die mit gefälschten Papieren versucht hatte, das Land zu verlassen. Es könnte dadurch sogar der Eindruck entstehen, dass der Beschuldigte aus dem Iran ein professioneller Schleuser gewesen sei, zumal das Jahr 1966 in eine Phase der DDR-Fluchthilfe fiel, in der laut Marion Detjen eine Kommerzialisierung stattfand.148 Tatsächlich aber handelte es sich bei der DDR-Bürgerin um die Freundin des jungen Mannes – seine spätere Ehefrau.

Auffällig ist, dass alle Informationen des Jahrgangs 1966 über »Schleusungen« solche Fälle betrafen, in denen nicht-deutsche Fluchthelfer beteiligt waren.149 Besonders brisant war der Fall eines Ehepaares, das im September 1966 in einem Diplomatenfahrzeug versteckt war. Auch wenn die Flucht von der Fluchthelfergruppe um den ehemaligen DDR-Bürger Wolfgang Fuchs organisiert worden war, die das MfS schon seit mehreren Jahren im Blick hatte, so war der Aspekt, dass der Konsul sowie der Vizegeneralkonsul der erst kurz zuvor eingerichteten syrischen und jemenitischen Generalkonsulate im Auto saßen, das eigentliche Politikum. Die Syrische Arabische Republik verurteilte ihren Konsul in Abwesenheit zum Tod – er schaffte es, während seiner Abschiebung nach Damaskus bei einer Zwischenlandung auf Zypern zu entkommen und sich nach Bonn abzusetzen, wo er Asyl erhielt und sich ein neues Leben aufbaute.150

3. Die ZAIG: Im Modus des selbstregulatorischen Informierungsimperativs

Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe wurde während des über dreißigjährigen Bestehens des MfS von einer kleinen Informationsgruppe mit anfangs acht Mitarbeitenden zur Nachrichtenzentrale und zum »Funktionalorgan« des Ministers für Staatssicherheit mit zuletzt über 400 Mitarbeitenden ausgebaut.151 Nach einer kurzen Phase der Degradierung ab 1957 wertete der neue Minister für Staatssicherheit Erich Mielke die mit dem Berichtswesen befasste Diensteinheit spätestens ab Anfang der 1960er-Jahre kontinuierlich auf.152 Zur »Zentralen Informationsgruppe« (ZIG) ernannt sollte ihr Berichtswesen auf Befehl des Ministers die oberste Ebene der Staatssicherheit sowie »die führenden Funktionäre der Partei, des Staates und der Regierung der DDR qualifiziert und objektiv über die Lage in der DDR und besonders über die Absichten und Pläne der Feinde des Friedens und des Sozialismus gegen die DDR«153 informieren. Wegen der Repräsentationsfunktion der externen Berichterstattung an die Staats- und Parteiführung kam ihrer ständigen Professionalisierung hohe Bedeutung zu.154 Auch das Jahr 1966 stand deshalb für die Mitarbeitenden der betreffenden Abteilungen im Zeichen einer anhaltenden Vereinheitlichung, Systematisierung und Verbesserung des Berichtswesens.

Gerade erst im Sommer des Vorjahres war mit dem Befehl Nr. 299/65 des Ministers die Diensteinheit abermals umbenannt und umorganisiert worden.155 Wenig später fand auch ein Führungswechsel statt: von Robert Korb zu Werner Irmler.156 Die ZIG erhielt mit der Erweiterung zur »Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe« ihren endgültigen Namen. Analog wurden auch die in den Bezirksverwaltungen und den zentralen operativen Diensteinheiten bestehenden Informationsgruppen umbenannt und hießen fortan »Auswertungs- und Informationsgruppen« (AIG). Auf der Ebene der Kreis- und Objektdienststellen schrieb der Befehl Nr. 299/65 eine Auswerterstelle verbindlich vor. Die Zahl von 13 Mitarbeitenden in der ZAIG blieb 1965 konstant. Im Juli 1966 wurden die Planstellen auf 20 erhöht, im Jahr darauf kamen zwei weitere hinzu.157

Konkret beinhaltete die Stärkung der »Auswertung« als namentlich fixierter Bestandteil des Selbst- und Arbeitsverständnisses dieser Dienststelle den Anspruch einer systematischeren und einheitlichen Bewertung, Selektion und Weitergabe von Informationen an die Staats- und Parteiführung. Die Auswertung von politisch-operativem Material sollte einerseits mit territorialem Schwerpunkt in den jeweiligen Bezirksverwaltungen erfolgen und andererseits thematisch, gemäß dem Linienprinzip in den AIG der inhaltlich zuständigen Haupt- und Fachabteilungen. Die ZAIG war auch dafür verantwortlich, im Sinne des Vereinheitlichungs- und Systematisierungsimperativs die ihnen untergeordneten Abteilungen und Auswerter zu unterstützen, zu schulen und miteinander in einen Austausch über ihre Erfahrungen im Informationswesen zu bringen.158

Während der Ausbau- und Professionalisierungsphase der ZAIG spielten kybernetische Überlegungen eine eminente Rolle. In den 1960er-Jahren war die Kybernetik in aller Munde, sodass auch der Nachrichtendienst der DDR sich ihr nicht verschließen konnte. In der Ära Stalins noch als reaktionär gebrandmarkt und abgetan, wurde die Kybernetik durch Nikita Chruschtschow und ab 1957 von der SED in der Hoffnung gefördert, einen Beitrag zur »wissenschaftlich-technischen Revolution« zu leisten. Im Kern befasste sich die Kybernetik mit Fragen und Möglichkeiten der Kontrolle, Vorhersage, Automation und Simulation von Informations- und Kommunikationsprozessen. Dabei ging sie von einer prinzipiellen Gleichartigkeit solcher Prozesse bei Lebewesen ebenso wie bei Maschinen aus, was nicht nur die Verwendung und den Austausch von Terminologien aus den verschiedenen Bereichen erklärte – beispielsweise durch den Rückgriff auf Körpermetaphern bei technischen Steuerungsprozessen und andersherum – sondern auch die verbreitete Adaption kybernetischer Denkfiguren in geistes-, sozial-, naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen. In den 1960er-Jahren wurde die Kybernetik geradezu eine Modeerscheinung, eine Art »buzz word«, mit dem sich im wissenschaftlichen Feld Ressourcen akquirieren ließen und das auf dem politischen Parkett gegenüber einer technik- und fortschrittsgläubigen Gesellschaft »Modernität« ausstrahlte.159 Auch die Stasi konnte (und wollte) sich dem kybernetischen Versprechen einer Kontrolle und Regulierung von Informationsprozessen nicht entziehen.160 Nach Christian Booß implementierte das MfS allerdings eine autoritäre Auslegung der Kybernetik, die zu einer Ausdehnung von Überwachungsaufgaben führen sollte.161 Werner Irmler legte 1965 gemeinsam mit seinem ZAIG-Mitarbeiter Karl Großer eine kybernetisch beeinflusste Diplomarbeit über die Informationsauswertung im MfS vor. Auch wenn die Autoren den Begriff selbst nicht verwendeten (möglicherweise schickte es sich nicht für einen Tschekisten, einen vermeintlich aus dem Englischen übernommenen Begriff zu verwenden), fußten ihre Überlegungen zur Verbesserung der Güte, Verlässlichkeit, Dichte und Erarbeitungszeit von Informationen mit Rücksicht auf den Informationsbedarf auf jener Idee eines sich selbst regulierenden Systems.162 Entscheidend für den Informationsfluss sei die Position des Auswerters, dessen Rolle sie – ganz der kybernetischen Vorstellung und Terminologie verhaftet – mit der einer »Umschaltstation« in der jeweiligen Diensteinheit verglichen. Er verdichtete das gewonnene Material zu Auswertungsergebnissen, die an eine hierarchisch höherstehende Person weitergeleitet wurden; gleichzeitig sollte der Auswerter (ebenfalls über eine Leitungsperson) Feedback auf das Material geben und so auf die operative Arbeit zurückwirken.163

Von der Durchsetzung eines solchen Systems war die ZAIG 1966 noch weit entfernt. Die Aktivitäten konzentrierten sich darauf, die Informationsspeicher zu verbessern und für das Berichtswesen nutzbar zu machen. Kernelement der kybernetisch inspirierten Professionalisierungs- und Vereinheitlichungsidee war das ebenfalls 1965 in den Diensteinheiten verbindlich eingeführte System der Kerblochkarteien. Vier verschiedene Karteitypen – eine Deliktkartei, eine Personenkartei-DDR und eine Personenkartei-West sowie eine Kfz-Kartei – schrieb der Befehl Nr. 299/65 vor. Diese traten neben die Materialablagen und die bereits existierenden zentralen Karteien. Die DIN-A4-großen Kerblochkarten enthielten verschiedene nicht verschlüsselte Grundinformationen über Personen und Erfassung sowie kodierte Merkmale, die nach einheitlichen Schlüsselplänen der Diensteinheiten über händisch vorgenommene Kerbungen am zweireihigen Kartenrand vermerkt wurden. Dies diente nicht nur der inneren Konspiration, sondern ermöglichte mithilfe von Selektionsgeräten, in die die Karten eingespannt und mithilfe von Selektionsnadeln und -gabeln en bloc nach mehreren Merkmalen ausgewählt werden konnten, auch die statistische Auswertung der gesammelten Informationen. Der Ausbau und die Pflege des (Kerbloch-)Karteisystems – eine Art »Papiermaschine«164 als Gedächtnis der Staatssicherheit – zeichnete sich zwar durch ein handwerkliches, ressourcenkonsumierendes und mitunter auch fehleranfälliges Arbeiten aus; diese Karteiarbeit war jedoch prägend für den Aufbau einer systematisierten, seriellen Verarbeitung von Informationen und ein Schritt in Richtung der elektronischen Datenverarbeitung.165 Geführt wurden die Kerblochkarteien von den AIG bzw. den Auswertern der Kreis- und Objektdienststellen. Dass die Einrichtung dieser Karteien auch im Laufe des Jahres 1966 mit erheblichen Anstrengungen und Schwierigkeiten verbunden war, zeigt das Beispiel der AIG der Hauptabteilung I, deren Arbeit die ZAIG im April folgendermaßen bewertete: »Die erarbeiteten Karteikarten sind oft lückenhaft ausgefüllt und besitzen nur unzureichende operative Aussagekraft«.166 Das Entwicklungstempo der Kartei sei darüber hinaus zu langsam. Im gesamten Jahr 1966 und auch 1967 war die ZAIG im Austausch mit den Leitern der AIG und den Bezirksverwaltungen über die weitere Verbesserung der Auswertungstätigkeit.167 Ziel war es, die gesammelten Informationen zu verdichten, Analysen durch differenziertere Erhebungen zu verbessern und den Informationsfluss horizontal im MfS und vertikal in Richtung des Staats- und Parteiapparats zu systematisieren und mobiler zu gestalten.168

Roger Engelmann und Frank Joestel kommen mit Blick auf den Befehl Nr. 299/65 zu dem Urteil, dass das Informationssystem der Stasi mit der sich daraus ergebenden Entwicklung eine neue Qualität erhielt und »den Beginn einer starken Expansion der Auswertungs- und Informationsorgane im Apparat der Staatssicherheit [markiert], an deren Spitze die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG169 stand. Sichtbar wurden die Veränderungen aber erst allmählich im Verlauf der nächsten Jahre.

4. Berichtsarten des Jahrganges

Ähnlich wie auch in den bereits publizierten Jahrgängen der 1960er-Jahre finden sich bei aller thematischen Bandbreite für das Jahr 1966 nur zwei Arten der Berichte – sogenannte Einzelinformationen und Berichte – auch wenn die ZIG ab 1960 drei weitere Arten von Informationen kannte und verbindlich festgelegt hatte.170 Formal bestand der Unterschied der beiden Berichtsformen darin, dass Einzelinformationen über einzelne Ereignisse informierten, deren Kontexte zwar noch nicht in Gänze ermittelt waren, die vom MfS jedoch als so wichtig erachtet wurden, dass sie mitzuteilen waren; Berichte hingegen sollten »umfassende Materialien zu einem bestimmten Problem« sowie »analytische Darstellungen enthalten«.171 Dass die beiden Bezeichnungen in der Praxis nicht scharf getrennt wurden – ausführliche, als Einzelinformationen deklarierte Texte wie beispielweise Information 147/66 über die Bischofswahl der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg wiesen den Charakter von Berichten nach oben genannten Kriterien auf – wurde bereits an anderer Stelle festgestellt.172 Für den Jahrgang 1966 liegen sieben »Berichte« vor.173

Insgesamt werden 198 Nummern aus dem Inlandsberichtwesen der ZAIG des Jahres 1966 für die Edition »Die DDR im Blick der Stasi« kommentiert und online zugänglich gemacht.174 Vier Informationen konnten in den Beständen des Stasi-Unterlagen-Archivs bisher nicht ermittelt werden.175

Von den 198 Informationen wurden 23 zurückgehalten,176 sieben wurden nur innerhalb des MfS verteilt.177 Der Anteil der Inlandsinformationen war im Vergleich zu den sogenannten Ausgangsinformationen über das westliche Ausland gering. Letztere wurden zwar auch von der ZAIG verteilt, aber von der HV A gefertigt und umfassten mehr als dreimal so viele Berichte.178

In der ZAIG-Ablage wurden für den Jahrgang 1966 überwiegend Exemplare auf dünnem Durchschlagpapier archiviert. Dagegen besaßen die extern und an andere Diensteinheiten des MfS verteilten Exemplare einen Vordruckbereich im Dokumentenkopf. Diese Formulare waren mit »Ministerium für Staatssicherheit« überschrieben, trugen den Hinweis »Streng geheim! Um Rückgabe wird gebeten!« und enthielten Vordruckbereiche zur Eintragung des Datums, der Nummer der Information, der Anzahl der gefertigten Exemplare und der Nummer des Exemplars sowie der Blattzahl. Auch bereits vorgedruckt war der Beginn des Titels, nämlich entweder »Einzel-Information über« (siehe Beispiel Faksimile 442/66) oder »Bericht über« (siehe Beispiel Faksimile 488/66). Auf den Blanko-Seiten der Durchschlagexemplare finden sich die an den entsprechenden Stellen der Vordruckbereiche vorgenommenen individuellen Eintragungen im Dokumentenkopf sowie die zusätzlichen ZAIG-internen Vermerke über den Verteiler.

5. Kommunikation und Rezeption

Trotz intensiver Erforschung des MfS-Berichtswesens und den ihm zugrundeliegenden Praktiken, Strukturen und Mechanismen sind noch einige Fragen offen. So fehlen, wie Martin Stief in seinem Überblick über die Entwicklungsgeschichte der ZAIG aufzeigt, noch detaillierte Kenntnisse zur Berichtsgenese und Beauftragung. Diese ließen sich bisher nur anhand von Beispielen rekonstruieren.179 Einige weitere aus dem Jahrgang 1966 seien im Folgenden kurz vorgestellt. Ausgewählt wurden Beispiele, die Rückschlüsse auf die Themenauswahl, die Informationserstellung und die Rezeption erlauben.

5.1 Themenauswahl

Wie bereits ausgeführt, ist das Berichtswesen in den 1960er- und 1970er-Jahren von einer großen Vielfalt der Themen gekennzeichnet. Eine Systematik bei ihrer Auswahl ist nach Roger Engelmann und Ronny Heidenreich nicht feststellbar, obgleich Konjunkturen aufscheinen.180 Die Themensetzung erfolgte aus beiden Richtungen: einerseits aus dem MfS, auf Anweisung des Ministers und seiner Stellvertreter, auf Basis von Arbeitsplänen der (Haupt-)Abteilungen und Initiativen meist aus den Fachabteilungen; andererseits gibt es auch einzelne Hinweise auf Anforderungen aus dem Staats- und Parteiapparat. Die Verständigung über Themen dürfte auf verschiedenen bilateralen Ebenen geschehen sein, von Vieraugengesprächen zwischen Mielke und Ulbricht sowie Mielke und Honecker, zwischen den Stellvertretern Bruno Beater und Fritz Schröder mit den Spitzenfunktionären bis hin zur Leitungsebene der Fachabteilungen des MfS mit den Ansprechpersonen der inhaltlich zuständigen Staats- und Parteigremien.181 Als Indiz für eine, im Laufe der Jahre immer treffsichere Fähigkeit, die Informationsbedürfnisse von Staats- und Parteiführung abzuschätzen, sieht Martin Stief eine abnehmende Zahl von solchen ZAIG-Informationen, die nach ihrer Erstellung nicht extern verteilt wurden.182

Die HA XX/4, zuständig für Kirchenfragen, erstellte zu Beginn der beiden Halbjahre 1966 zwei Arbeitspläne für ihre operativen Tätigkeit, in denen unter anderem auch kirchliche Veranstaltungen aufgeführt sind, über die »qualifizierte Informationen zu erarbeiten« waren.183 Von den dort jeweils aufgeführten Veranstaltungen werden einige über das ZAIG-Berichtswesen abgedeckt.184 Nach dem ersten Halbjahr bilanzierte die HA XX/4: »Die Überwachung der wichtigsten kirchlichen Veranstaltungen und die Beschaffung der Dokumente über die Pläne, Absichten und Maßnahmen der klerikalen Institutionen sind erfolgreich durchgeführt worden, so dass die Leitung des MfS, die Partei und die Regierung der DDR rechtzeitig und eingehend informiert werden konnte.«185

Ein Beispiel aus dem Jahrgang für Anfragen aus der Staats- und Parteispitze könnten einige Einzelinformationen sein, die die Lage in LPG einiger Kreise und Bezirke betrafen. So fällt auf, dass diese jeweils an Funktionäre abgesetzt wurden, die kurz darauf an den jeweiligen Orten zum Thema öffentlich sprechen sollten. An Gerhard Grüneberg, den ZK-Sekretär für Landwirtschaft, gingen die Informationen 73/66 vom 31. Januar 1966 über Probleme in LPG des Kreises Lübben sowie 201/66 und 203/66 vom 14. März 1966 über LPG in den Bezirken Karl-Marx-Stadt und Dresden, unmittelbar bevor er dort auf der Kreis- bzw. auf den beiden Bezirksbauernkonferenzen als Redner auftrat.186 Die Informationen 81/66 und 102/66 vom 1. bzw. 7. Februar 1966 über die Situationen in den LPG im Kreis Kamenz bzw. im Kreis Hagenow gingen an Georg Ewald, den Vorsitzenden des Landwirtschaftsrats, der kurz darauf auf den beiden Kreisbauernkonferenzen sprach.187 Grüneberg und Ewald – beide waren zu diesem Zeitpunkt Kandidaten des Politbüros – wurden jeweils auf den Kreisbauernkonferenzen Lübben bzw. Kamenz zu Delegierten der IX. Bauernkonferenz gewählt, die am 26. und 27. Februar 1966 in Berlin tagte. Wegen der Form, in der die Informationen rhetorisch eingeleitet werden – beispielsweise mit: »Dem MfS liegen eine Reihe von Hinweisen zur Situation […] vor«188 oder: »Aus den Materialien, die dem MfS […] vorliegen, ergibt sich«189 – und aus der Beobachtung, dass sie keine abschließende Empfehlung aussprechen, erscheint es naheliegend, dass Grüneberg und Ewald beim MfS konkret angefragt hatten, ob es zu betreffenden LPG Materialien und Hinweise gesammelt habe. Die Stasi belieferte die beiden Funktionäre auch nicht mit Lagebildern zu allen Kreis- und Bezirksbauernkonferenzen. Dass sich beide im Vorfeld ihrer öffentlichen Auftritte mit Hintergrundinformationen vom MfS versorgen ließen, ist demnach plausibel. Georg Ewald erhielt im April auch noch eine weitere Einzelinformation über die Lage im brandenburgischen Markee, in der das MfS Probleme und Rückstände des dortigen VEG hervorhob. Drei Tage später hielt der Vorsitzende des Landwirtschaftsrats dort eine Rede vor Mitarbeitenden des VEG anlässlich der Feierlichkeiten zum 1. Mai.190 Hier allerdings wurde die Information mit dem Passus eingeleitet, das MfS wolle auf einen Sachverhalt aufmerksam machen – was wiederum für eine Initiative seitens der Staatssicherheit spricht.

Möglicherweise auf Anfrage von Parteifunktionären oder Regierungsmitgliedern kam auch die Information 600/66 vom 11. August 1966 zustande. Der Titel suggeriert Ausführungen »über die Situation unter der Bevölkerung der Hauptstadt der DDR und die Stimmung im Hinblick auf den bevorstehenden 5. Jahrestag der Sicherung der Staatsgrenze der DDR am 13. August 1966«. Tatsächlich aber handelte das MfS die Frage, ob und wie die Bevölkerung über den Jahrestag der Grenzschließung in Berlin sprach, zu Beginn der Information nur knapp ab und ließ wissen, dass es keine nennenswerten Diskussionen oder größeren Aktionen feststellen könne. Stattdessen ging die ZAIG-Information anschließend ausführlich darauf ein, welche Themen die DDR-Bürgerinnen und Bürger nach Wahrnehmung des MfS stattdessen diskutierten. Das seien vor allem die Preisreform und die allgemeine Versorgungslage mit Konsumgütern,191 Gespräche über den Vietnamkrieg oder Diskussionen im Nachgang des 11. Plenums – hier: die Absetzung des Films »Spur der Steine«. Möglicherweise nutzte die Stasi hier ein bestelltes Lagebild, um über in ihren Augen relevantere Themen zu berichten.

Indizien für eine instrumentelle Nutzung des Berichtswesens durch das MfS finden sich ebenfalls im Jahrgang 1966. Beispielsweise könnte das Motiv für Erstellung von Information 442/66 über Zustände in einem Schweriner Zoll-Gebäude gewesen sein, einem bereits vom MfS oder aus einer anderen Richtung angestoßenen Prozess Nachdruck verleihen zu wollen: Am Packhof 1 waren neben dem Postbinnenzollamt auch sechs Familien untergebracht. Das MfS drängte auf ihren Umzug, da sie die Arbeit der Mitarbeiter behindern würden und dadurch die Sicherheit gefährdet sei: »Unter anderem können sie [die Anwohnenden – S.H.] Beobachtungen über die dienstlichen Handlungen der Angehörigen des PBZA durchführen (Be- und Entladen von Sendungen, Paketumschlag aus dem Bahnhof, Asservatenabverfügung usw).«192 Das Postbinnenzollamt spekulierte offenbar auf die Nutzung weiterer Räumlichkeiten im Gebäude. Aus dem Schreiben geht hervor, dass es bereits seit 1960 Verhandlungen zwischen der Bezirksdirektion Post- und Fernmeldewesen, dem Schweriner Oberbürgermeister und der SED-Bezirksleitung über äquivalente Unterbringungsmöglichkeiten für die Familien gab. Mielke schickte die Information, versehen mit einem handschriftlichen Zusatz, am 20. Juni 1966 an Willi Stoph. Darin heißt es: »Ich bitte um Verständigung, wann und wer für die Durchführung der von Ihnen gegebenen Anweisung verantwortlich gemacht wurde.«193 Offenbar ist die Information angefertigt worden, um die Umsetzung einer auf zentraler Ebene getroffenen, aber bis dahin im Bezirk nicht ausgeführten Entscheidung zu beschleunigen. Mit anderen Worten: Hier scheint das MfS über die Berichterstattung ein bereits bekanntes Problem in einem Bezirk im institutionellen Eigeninteresse »hocheskaliert« zu haben.194 Tatsächlich erhielt Mielke eine Woche später eine Rückmeldung aus dem Büro des Ministerrats, dass eine Aussprache mit dem SED-Bezirksratsvorsitzenden und dem Oberbürgermeister Schwerins erfolgt sei und eine Räumung der Wohnungen in den kommenden vier Monaten in Aussicht gestellt werden würde.

5.2 Redaktionelle Arbeit

Die Zusammenarbeit zwischen den Fachabteilungen des MfS und der ZAIG kann folgendermaßen beschrieben werden: »In den Fachabteilungen liefen Daten aus der Fläche zusammen und wurden von Auswertern, die von der ZIG [ab 1965: ZAIG, SH] fachlich angeleitet wurden, zu Berichten verdichtet und anschließend von den Hauptabteilungsleitern an die ZIG weitergeleitet; hier wiederum sollten Parteiinformationen gefertigt, dem Minister vorgelegt und nach dessen Zustimmung versendet werden.«195 Die redaktionelle Arbeit habe dabei von kleineren Änderungen bis hin zu starken inhaltlichen Bearbeitungen variiert und sei zwischen den Hauptabteilungen und der ZAIG abgestimmt worden. Auch die Verteilervorschläge seien mit den Hauptabteilungen koordiniert worden.196 Die abschließende Entscheidung über die Verteilung oblag Erich Mielke.

Im Fall der Nachricht über den tödlichen Fluchtversuch des Bauarbeiters Willi Block in Staaken am Nachmittag des 7. Februar 1966 erlaubt ein Versionsvergleich zwischen einem bereits an anderer Stelle publizierten telegrafierten Bericht aus der Überlieferung der MfS-Bezirksverwaltung in Potsdam und der abgesetzten ZAIG-Information 110/66, die Überarbeitung des erhaltenen Materials nachzuvollziehen. Das Blitztelegramm, das von einer mit der Untersuchung betrauten Unterabteilung der HA I am 8. Februar 1966 um 12: 45 Uhr bei Werner Irmler in der ZAIG einging,197 wurde unter weitgehender Beibehaltung der darin mitgeteilten Inhalte, aber mit sprachlichen Änderungen und strukturellen Umstellungen sowie Korrekturen von Daten im Lebenslauf Willi Blocks zu einer ZAIG-Information umgearbeitet. Diese wurde um 16.30 Uhr an Willi Stoph, Albert Norden, Walter Borning und Michael Kohl versandt.198

Während das Material über den Tod Willi Blocks innerhalb weniger Stunden zu einer ZAIG-Information verarbeitet und abgesetzt worden war, dauerte es im Fall der Information 736/66 bis zur Fertigstellung und externen Verteilung einen Monat. Den Anstoß für die Information über »Mängel im Sicherungssystem an der Staatsgrenze West im Raum Lehesten« gab die mit der Grenzsicherung befasste Abteilung 2 der HA VII am 7. September 1966.199 Darin berichtete die Diensteinheit über erfolgte und verhinderte Fluchten im Raum Lehesten im Zeitraum zwischen Juni und Anfang September 1966. Der Text nennt als Schwachstelle im Grenzgebiet ein unvermintes Gelände, das wegen seiner Beschaffenheit schwer zu sichern sei und warnt, dass sich das Wissen darüber bereits in der örtlichen Bevölkerung und möglicherweise auch darüber hinaus auf der anderen Grenzseite verbreitet habe. Die Information bezieht sich auch auf Einschätzungen der Bezirksverwaltung Gera und lässt wissen, dass die HA VII/2 bereits mit dem zuständigen Stellvertreter des Grenzregiments im Kontakt war, um Sofortmaßnahmen einzuleiten. Sie schließt mit der Empfehlung, über die HA I zusammen mit dem dort zuständigen Grenzregiment den Bau pioniertechnischer Anlagen voranzutreiben. Die ZAIG scheint diese Information zunächst zur Prüfung an die AIG der HA I gegeben zu haben.200 Zwei ebenfalls überlieferte Notizzettel geben Auskunft über weitere Schleifen, die der Sachverhalt genommen hat: So heißt es in einer vom 29. September datierenden Notiz unter anderem, die Information entspräche der Realität, sowie in einer weiteren, undatierten, dass Bruno Beater Werner Irmler um Rücksprache bitte.201 Die am 11. Oktober 1966 an Verteidigungsminister Heinz Hoffmann abgegangene ZAIG-Information war im Gegensatz zu ihrer Vorlage aus der HA VII/2 kürzer und empfahl dem Minister »den Bau von geeigneten pioniertechnischen Anlagen«.202

5.3 Verteilung, Rezeption und Rücklauf

Die Beauftragungs-, Distributions- und Dokumentationspraxis der in der ZAIG erstellten Informationen an die Staats- und Parteiführung war im Befehl Nr. 584/60 geregelt.203 Nach Weisung des Ministers, seiner Stellvertreter oder auf eigene Initiative erstellte die Diensteinheit selbst Informationen, überarbeitete die von den operativen Linien vorbereiteten Berichte und wachte über die Zirkulation, indem sie die Verteilung und den Rücklauf gewährleistete und dokumentierte. Der Befehl gestattete auch ein Procedere, das sich in den Verteilern des Jahrgangs 1966 häufig wiederspiegelt. So war es »in Ausnahmefällen«, wie es hieß, den Leitern der Hauptabteilungen und selbstständigen Abteilungen erlaubt, »unter Wahrung der Konspiration Informationen an Funktionäre der Partei und Regierung zu geben, soweit dies für die gemeinsame Festlegung von Maßnahmen oder aus anderen Gründen unbedingt erforderlich ist und soweit derartige Verbindungen bereits bestehen«.204 Offenbar gab es neben den beiden zentralen Verteilerwegen über Kuriere der ZIG/ZAIG an die externen Empfängerinnen und Empfänger und über den Minister und seine Stellvertreter auch noch einen weiteren, über das Linienprinzip laufenden Weg zwischen den fachlich zuständigen Dienststellen und ihren Ansprechpersonen im ZK der SED bzw. in den Ministerien. Die Formulierung »soweit derartige Verbindungen bestehen« deutet auf die bereits zum Zeitpunkt des Befehls von 1960 gelebte Praxis hin, die nunmehr fixiert wurde.

Im Jahrgang 1966 lassen sich solche Informationsweitergaben auf Haupt- und Fachabteilungsleiterebene nachweisen.205 Ein besonders eindrückliches Beispiel für die »dezentrale« Verteilerpraxis unterhalb der Hauptabteilungsleiter-Ebene sind fünf verschiedene Informationen aus dem »Sicherungsbereich Sport«: Die an den Präsidenten des DTSB Manfred Ewald, die (amtierenden) Vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport Alfred Bruno Neumann und Günter Erbach sowie an den Leiter der Abteilung für Körperkultur und Sport des ZK der SED Rudolf Hellmann adressierten ZAIG-Informationen wurden über die HA XX verteilt. Während in zwei Fällen (Vgl. Informationen 238/66 und 429/66) noch für jeden der Empfänger ein eigenes Exemplar vorgesehen war, ist im Verteilervorschlag von Information 248/66 ein Kassationsvermerk hinter zwei der drei Exemplare vorhanden sowie ein Hinweis, dass die Information durch Paul Voigt, den Leiter der für Sport, Blockparteien und Massenorganisationen, Hochschul- und Bildungswesen zuständigen Abteilung des MfS, überbracht werden sollte. Ähnlich verhielt es sich wohl im Fall der Information 648/66, bei der auf dem Ablageexemplar vermerkt ist, dass alle drei Empfänger ein Exemplar erhielten – auch wenn Paul Voigt dort und im Postausgangsbuch nicht erwähnt wird, ist denkbar, dass er, der als besonders sportaffin galt,206 mit dem Exemplar die einzelnen Adressaten aufsuchte.

Die tabellarische Auflistung der Verteiler des Jahrgangs 1966 im Anhang dieser Einleitung gibt einen Überblick über die Empfängerinnen und Empfänger außerhalb und innerhalb des MfS. Einige Bemerkungen zu besonderen Schreibweisen in den Verteilern sei an dieser Stelle gegeben, da sie in der Dokumentenkommentierung nicht einzeln erläutert wurden. Der Verteilerweg vom MfS an den meist externen Empfänger über eine weitere Person wird häufig entweder mit dem stenografischen Kürzel »über/durch« oder mit Hilfe eines Schrägstrichs angezeigt. In der Edition wird dies aufgelöst. Der Schrägstrich im Verteiler hat aber mindestens noch zwei weitere Bedeutungen: Im Fall von Diensteinheiten des MfS trennt er Hauptabteilungen von Unterabteilungen: Die Abteilung 4 der Hauptabteilung XX erscheint beispielsweise durchgängig als »HA XX/4«.207 Des Weiteren besitzt der Schrägstrich in der internen Verteilung auch die Bedeutung »weiter an«. So finden sich eine Reihe von Informationen, die ausweislich der Verteilervorschläge und des Postausgangsbuchs direkt an die beiden stellvertretenden Minister für Staatssicherheit Bruno Beater und Fritz Schröder gingen. Der gelegentliche Schrägstrich hinter ihren Namen zeigt eine Weiterleitung der jeweiligen Information an die dahinter vermerkte Diensteinheit an, die zu ihrem jeweiligen Anleitungsbereich gehörte.208 Möglicherweise waren damit auch zusätzlichen Anweisungen der stellvertretenden Minister verbunden.

Ein Beispiel für eine direkte Rückmeldung auf das ZAIG-Berichtswesen aus dem Staats- und Parteiapparat ist die Information 788/66 über Probleme beim Schutz vor Blitzschlag. So empfahl das MfS nach einer Untersuchung über die Ursachen von Bränden in der Landwirtschaft, bei der es feststellte, dass viele Brände durch Blitzschlag verursacht wurden, einen Maßnahmenplan für die (schnelle) Installation von Blitzschutzanlagen. Als ein Empfänger der Information reagierte der Minister des Inneren Friedrich Dickel eine Woche später. Er dankte Erich Mielke für die in der Information gegebenen Anregungen und hob hervor, welche Maßnahmen sein Ministerium bereits getroffen habe. Er betonte auch, welche geforderten Aspekte nicht in seiner Zuständigkeit lagen und schickte die Information zurück.209 Ob die Vorschläge des MfS in dem weiteren Überarbeitungsprozess der Brandschutzordnung berücksichtigt wurden, lässt sich nicht eindeutig sagen.210 Während Dickel die ZAIG-Information zusammen mit seiner Rückmeldung sofort retournierte, scheinen Otto Winzer und sein Außenministerium die Informationen aus dem MfS gesammelt zu haben. Die an ihn von April 1965 bis Juli 1966 abgesetzten Exemplare schickte sein Büro in zwei Bündeln zurück an das MfS, wo sie sehr wahrscheinlich vernichtet wurden.211

6. Druckauswahl und Formalia

In der vorliegenden Buchausgabe der Edition liegt eine Auswahl von 37 der insgesamt 198 kommentierten innenpolitischen ZAIG-Informationen und -Berichte des Jahrgangs 1966 vor. Bei der Zusammenstellung wurden gleichermaßen diejenigen Dokumente berücksichtigt, die besondere Ereignisse des Jahres beleuchten wie zum Beispiel den Briefwechsel zwischen SED und SPD, wie solche, die wiederkehrende Themen wie Fluchten, wirtschaftliche Probleme und Kirchenberichte aufgreifen und sozusagen das Tagesgeschäft des MfS-Berichtswesens widerspiegeln. Für die Druckauswahl wurde auf eine möglichst thematisch, geografisch und zeitlich ausgewogene Verteilung geachtet. Sämtliche edierte Informationen des Jahrgangs sind online unter https://1966.ddr-im-blick.de abrufbar und durchsuchbar.

Die transkribierten Dokumente werden im Original wiedergegeben. Existieren mehrere Versionen einer Information, wurde diejenige ausgewählt, die abgesetzt wurde. Auf Abweichungen zu früheren Versionen wird in Fußnoten hingewiesen. Kleinere Fehler in der Rechtschreibung, die den heute gültigen Regeln angeglichen wurde, wurden stillschweigend korrigiert, größere Orthografie- und Grammatikfehler bleiben aus Gründen der Quellenauthentizität unverändert. Ungewöhnliche Abkürzungen werden stillschweigend in übliche umgewandelt oder ausgeschrieben. Eventuelle Unterstreichungen, Randvermerke und Einkreisungen werden im Dokumentenkopf erwähnt, wenn sie gleichmäßig einen Großteil des Textes betreffen. Auf besondere Markierungen einzelner Wörter oder Sätze wird in einem Fußnotenkommentar aufmerksam gemacht.

Ähnlich wie im Jahrgang 1972 weisen die Dokumentenköpfe der Informationen des Öfteren Vermerke zu Übermittlungs- und Weiterleitungswegen auf, die Hinweise auf die internen und externen Kommunikationskanäle des MfS geben. Zum anderen beinhalten einige Dokumentenköpfe zwei Datierungen (eine handschriftliche und einen Datumsstempel), die manchmal voneinander abweichen.213 Ronny Heidenreich vermutet, dass es sich um das Datum der Bestätigung der Verteilervorschläge handelt, die nicht in der ZAIG, sondern im Vorzimmer des Ministers erfolgte.214 Auch im Jahrgang 1966 sind in vielen Fällen die späteren Daten mit dem Tag des Postausgangs bei der ZAIG identisch. Die abweichenden Datierungen sind im Dokumentenkopf erwähnt. Weist der Bericht nur ein Datum auf, wird dies wie üblich als Datum der Berichtsabfassung angenommen.

Gemäß § 32a des Stasi-Unterlagen-Gesetzes wurden die in den Texten erwähnten Personen der Zeitgeschichte sowie Amts- und Funktionsträger öffentlicher Institutionen vor der Veröffentlichung von Informationen zu ihrer Person benachrichtigt, wenn die Angaben nach einer Einordnung verlangen oder über ihre reine Funktionstätigkeit hinausgehen. Betroffene, die nicht zu diesen Personenkreisen gehören, wurden um eine Einwilligung für die Publikation von Daten zu ihrer Person gebeten. Um den Schutz der Persönlichkeitsrechte zu gewährleisten, war es bei einigen Berichten notwendig, Passagen, Personennamen oder Adressenangaben zu anonymisieren. Die Aussagekraft der Quellen wird dadurch aber in keiner Weise beeinträchtigt, da es sich hierbei in der Regel um weniger relevante Angaben handelt.

7. Schlussbemerkungen

Die vorliegenden ZAIG-Informationen des Jahres 1966 vermitteln mit ihrer thematischen Vielfalt Einblicke unter anderem in die wirtschaftlichen Problemlagen in der zweiten Phase des »Neuen ökonomischen Systems«, spiegeln die Auswirkungen des jugend- und kulturpolitischen Kurswechsels des 11. Plenums im Dezember 1965 insbesondere auf die Heranwachsenden und geben – wenn auch gebrochen durch den Blick der Stasi – Einblicke in (inner-)kirchliche Debatten. Das Jahr 1966 war mit dem Ende der Passierscheinerteilung und dem gescheiterten Dialog zwischen SPD und SED nicht nur ein Wendepunkt für die SED-Deutschlandpolitik, sondern erwies sich mit den Verstimmungen rund um die Wahl des evangelischen Bischofs für Berlin-Brandenburg und dem kirchlichen Engagement bei der Seelsorge Wehrdienstleistender als weiterer Eskalationsmoment auf dem Weg zu einer 1969 vollzogenen Spaltung der Evangelischen Kirche Deutschlands in Ost und West. Über den Aussagewert der Quellen ist Daniela Münkel zuzustimmen, die für den Jahrgang 1961 bilanziert, die Informationen zeugten von dem Selbstbewusstsein, mit dem die Staatssicherheit als Parteigeheimdienst erstaunlich kritisch gegenüber den staatlichen Akteuren auftrat.215 Inmitten des Reformjahrzehnts geben die edierten Dokumente des Jahrgangs 1966 und die dahinterstehenden Entstehungsprozesse Einblicke in die Optimierungs- und Professionalisierungsbemühungen des MfS, mithilfe kybernetischer Überlegungen seine operative Arbeit mit den Bedürfnissen des Berichtswesens rückzukoppeln. Dabei blieb die Idee des sich selbst regulierenden Informationssystems letztlich aber eine Utopie.

8. Anhang: Adressaten der Berichte 1966

Tabelle 1: Adressaten der Berichte 1966 außerhalb des MfS

Name, Funktion

Berichtsnummern

Summe
der Berichte

Axen, Hermann (Jg. 1916), Leiter der außenpolitischen Kommission und Sekretär des SED-ZK für internationale Verbindungen

786

1

Barth, Willi (Jg. 1899), Leiter der Abteilung Arbeitsgruppe Kirchenfragen des SED-ZK

21, 27, 33, 104, 116, 147, 167, 215, 219, 230, 285, 347, 350, 351, 493, 507, 610, 671, 712, 722, 737, 787, 797, 923, 961, 967

26

Borning, Walter (Jg. 1920), Leiter der Abteilung Sicherheit des SED-ZK

110, 124, 143, 241, 244, 687, 688

7

Dickel, Friedrich (Jg. 1913), Minister des Innern und Chef der Volkspolizei

143, 788

2

Erbach, Günter (Jg. 1928), amtierender Vorsitzender des staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport

238, 248, 254, 648

4

Ewald, Georg (Jg. 1926), Vorsitzender des Landwirtschaftsrats

81, 102, 229, 334, 369, 446, 768, 788

8

Ewald, Manfred (Jg.1926), Präsident des DTSB

238, 248, 254, 429, 648

5

Fröhlich, Paul (Jg. 1921), SED-Politbüro, Erster Sekretär der SED-BL Leipzig

176, 179, 184, 186

4

Georgi, Rudi (1927), Minister für Verarbeitungsmaschinen- und Fahrzeugbau

749

1

Gotsche, Otto (Jg. 1904), Sekretär des Staatsrats

488

1

Grüneberg, Gerhard (Jg. 1921), ZK-Sekretär für Landwirtschaft

73, 201, 203, 229, 369, 446, 605, 768, 788

9

Hager, Kurt (Jg. 1912), ZK-Sekretär für Kultur, Wissenschaft

29, 56, 273, 354, 438, 443, 485, 493, 507, 555, 556, 558, 564, 565, 650, 739

16

Hellmann, Rudolf (Jg. 1926), Leiter der Abteilung für Körperkultur und Sport des SED-ZK

238, 248, 254, 342, 429, 648

6

Herber, Richard (Jg. 1911), Leiter des Büros Walter Ulbricht und Erster Sekretär der Parteiorganisation des SED-ZK

288

1

Hoffmann, Heinz (Jg. 1910), Minister für Nationale Verteidigung, Mitglied des NVR

44, 99, 217, 224, 315, 627, 640, 688, 700, 703, 736, 750, 764, 775, 798, 805, 923, 934

18

Honecker, Erich (Jg. 1912), ZK-Sekretär für Sicherheit, Mitglied des NVR

2, 3, 5, 6, 11, 13, 15, 21, 22, 26, 27, 33, 36, 39, 44, 56, 57, 75, 76, 82, 96, 116, 124, 133, 136, 143, 147, 167, 191, 196, 204, 209, 214, 215, 217, 219, 220, 224, 230, 236, 238, 244, 255, 273, 274, 282, 285, 287, 289, 16.04.1966Info Nr. 298/66Grenzdruchbruch mit Lkw an der GÜST Wartha">298, 300, 303, 304, 315, 318, 327, 333, 347, 350, 369, 370, 399, 438, 441, 446, 493, 565, 587, 590, 593, 600, 605, 610, 618, 626, 627, 632, 640, 662, 671, 681, 683, 687, 688, 700, 703, 712, 722, 737, 739, 741, 749, 750, 751, 755, 763, 764, 775, 787, 797, 798, 805, 817, 829, 835, 836, 840, 895, 901, 910, 918, 923, 934, 953, 961, 967, 977

117

Honecker, Margot (Jg. 1927), Ministerin für Volksbildung

11, 57, 808

3

Junker, Wolfgang (Jg. 1929), Minister für Bauwesen

288

1

KGB Berlin-Karlshorst (»AG«)

555, 556, 564, 593, 750, 798, 826, 934

8

Kiesewetter, Wolfgang (Jg. 1924), stellvertretender Außenminister

851, 919

2

Kohl, Michael (Jg. 1929), Staatssekretär beim Ministerrat der DDR für Westberlin-Fragen, 1965/66 Verhandlungsführer bei den Passierscheingesprächen mit dem Westberliner Senat

6, 110, 246, 263, 318, 441

6

Kohrt, Günter (Jg. 1912), Staatssekretär im MfAA

351

1

Kramer, Erwin (Jg. 1902), Minister für Verkehrswesen, Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn

910

1

Löschau, Siegbert (Jg. 1929), Minister für chemische Industrie

236

1

Matern, Hermann (Jg. 1893), Vorsitzender der ZPKK

255

1

Mittag, Günter (Jg. 1926), ZK-Sekretär für Wirtschaft

15, 133, 135, 236, 240, 274, 288, 438, 580, 895, 901, 953

12

Mückenberger, Erich (Jg. 1910), Erster Sekretär der SED-BL Frankfurt/Oder

288

1

Neiber, Gerhard (Jg. 1929), Mitglied der SED-BL Frankfurt/Oder

288

1

Neumann, Alfred (Jg. 1909), Minister für Materialwirtschaft und Erster Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrats

240, 246, 263

3

Neumann, Alfred Bruno (Jg. 1927), Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport

429

1

Norden, Albert (Jg. 1909), ZK-Sekretär für Agitation

6, 82, 104, 110, 143, 209, 246, 255, 263, 282, 370, 399, 443, 485, 786, 827, 829

17

Pöschel, Hermann (Jg. 1919), Leiter der Abteilung Forschung und technologische Entwicklung des SED-ZK

303

1

Rauchfuß, Wolfgang (Jg. 1931), stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats

236, 303, 369

3

Schumann, Horst (Jg. 1924), Erster Sekretär des Zentralrats der FDJ, Mitglied des Staatsrats der DDR

11, 143, 350, 751, 817, 835

6

Schürer, Gerhard (Jg. 1921), Vorsitzender der Staatlichen Plankommission und Mitglied des Präsidiums des Ministerrats

240, 274, 303

3

Siebold, Klaus (Jg. 1930), Minister für Grundstoffindustrie

240, 303

2

Singer, Rudolf (Jg. 1915), Leiter der Abteilung Agitation des SED-ZK, ND-Chefredakteur

282

1

Stoph, Willi (Jg. 1914), Vorsitzender des Ministerrats der DDR

6, 15, 21, 27, 33, 99, 104, 110, 116, 133, 135, 143, 147, 167, 215, 219, 230, 236, 255, 274, 285, 288, 318, 347, 350, 441, 442, 493, 507, 580, 610, 618, 650, 671, 681, 712, 722, 737, 749, 750, 768, 787, 788, 797, 798, 895, 901, 907, 923, 934, 953, 961, 967

53

Ulbricht, Walter (Jg. 1893), Erster Sekretär des SED-ZK, Vorsitzender des Staatsrats, Vorsitzender des NVR

6, 21, 116, 217, 220, 224, 255, 285, 288, 350, 493, 507, 610, 681, 712, 749, 750, 751, 787, 797, 798, 829, 923, 934, 967

25

Verner, Paul (Jg. 1911), SED-Politbüro, Mitglied des Politbüros, Erster Sekretär der SED-BL Berlin

21, 27, 33, 104, 116, 143, 147, 167, 215, 219, 230, 273, 285, 347, 350, 351, 399, 493, 493, 507, 610, 671, 712, 722, 737, 751, 787, 797, 817, 923, 961, 967

32

Wansierski, Bruno (Jg. 1904), Stellvertretender Leiter der Abteilung Sicherheitsfragen des SED-ZK

759

1

Winzer, Otto (Jg. 1902), SED-ZK, Minister für Auswärtige Angelegenheiten

29, 75, 214, 555, 556, 564, 755, 786, 836, 889, 910, 919, 981

13

Stief, Albert (Jg. 1920), Erster Sekretär der SED-BL Cottbus, Mitglied des SED-ZK

303

1

Tabelle 2: Adressaten der Berichte 1966 innerhalb des MfS

Name

Information Nr.

Anzahl

Abteilung Agitation

6, 246, 263, 318, 441, 565

6

Beater, Bruno (Jg. 1914), stellvertretender Minister für Staatssicherheit (u. a. mit den Anleitungsbereichen HA VII, HA VIII u. HPF)

6, 22, 246, 263, 300, 315, 318, 441, 449, 467, 600, 736, 750, 909, 934, 943

16

Bezirksverwaltung des MfS Cottbus, Leiter Hans Ullmann (Jg. 1913)

303

1

BV Frankfurt/Oder, Stellvertreter Operativ, Herbert Stöß (Jg. 1923)

288

1

BV Frankfurt/Oder, AIG

288

1

BV Potsdam, Abteilung XX/AIG

835

1

(BV) Verwaltung Groß-Berlin, Leiter Erich Wichert (Jg. 1909)

143, 751, 817

3

(BV) Verwaltung Groß-Berlin, Heinz Ehrhardt (Jg. 1926), ab mind. 1953 Mitarbeiter, zuletzt stellvertretender Leiter

817

1

(BV) Verwaltung Groß-Berlin, AIG

817

1

Büro der Leitung II (Unterstützung DKP/SEW), Leiter Gerhard Harnisch (Jg. 1916)

759

1

Einsatzstab (Passierscheinvereinbarung)

6, 246, 263, 318, 441

5

Einsatzstab Karl-Marx-Stadt (Redneraustausch SED-SPD)

467

1

HA I (NVA, Grenztruppen)

449, 918

2

HA I, Leiter Karl Kleinjung (Jg. 1912)

315

1

HA I, AIG

2, 3, 5, 13, 36, 39, 44, 76, 96, 99, 110, 124, 191, 196, 224, 241, 289, 327, 587, 605, 627, 632, 640, 649, 683, 687, 688, 700, 703, 710, 726, 741, 775, 805, 840, 977, 981

37

HA VII (Ministerium des Innern, Deutsche Volkspolizei)

184, 736

2

HA VII, AIG

442

1

HA VII, Abteilung Grenzsicherung (AGS) bzw. Abteilung 2216

605, 626, 683, 687, 688, 763, 775, 977, 981

9

HA VIII (Beobachtung, Ermittlung)

700, 909, 943

3

HA IX (Untersuchungsorgan)

315, 700

2

HA IX, AIG

627, 835, 836, 851, 889

5

HA XVIII (Volkswirtschaft)

2, 15, 56, 133, 135, 143, 179, 184, 186, 201, 203, 220, 236, 240, 438, 446, 590, 749, 907

19

HA XVIII, Leiter Rudi Mittig (Jg. 1925)

288

1

HA XVIII, stellvertretender Leiter Alfred Kleine (Jg. 1930)

288

1

HA XVIII, Abteilung 1 (Bauwesen)

303

1

HA XVIII, Abteilung 2 (Maschinenbau)

236

1

HA XVIII, AG Brände und Störungen (BuS)

229, 236, 240, 274, 303, 369, 768, 788, 895, 901, 953

11

HA XIX (Verkehr, Post, Nachrichtenwessen)

910

1

HA XIX, Abteilung 1 (Staatsapparat, Ministerien, Kultur, Massenmedien)

354

1

HA XIX, Abteilung 3 bzw. Abteilung 6 (Sport, Blockparteien und Massenorganisationen, Hochschul- und Bildungswesen),217 Abteilungsleiter Paul Voigt (Jg. 1929)

248, 254, 342

3

HA XX (Staatsapparat, Kultur, Kirchen, Untergrund)

6, 11, 26, 29, 57, 82, 143, 209, 214, 238, 244, 246, 248, 254, 263, 273, 282, 285, 287, 304, 333, 370, 399, 429, 443, 449, 580, 618, 648, 650, 739, 751, 786, 808, 817, 827, 829, 835, 836, 851

40

HA XX, stellvertretender Leiter Heinz Volpert (Jg. 1932)

737

1

HA XX, Abteilung 4 (Kirchenfragen)

21, 27, 33, 104, 116, 147, 167, 215, 219, 230, 285, 347, 350, 351, 447, 493, 507, 610, 671, 677, 681, 704, 712, 722, 787, 797, 923, 961, 967

29

Hauptabteilung Passkontrolle und Fahndung (HPF)

750, 934

2

HPF, AIG

805

1

HA Personenschutz, Leiter Franz Gold (Jg. 1913)

220

1

HV A, Ablage Sekretariat

176, 179, 184, 186

4

Mielke, Erich (Jg. 1907), Minister für Staatssicherheit

176, 179, 184, 186, 255, 300, 449, 467, 907

9

Minister für Staatssicherheit, persönlicher Referent Hans Carlsohn (Jg. 1928)

333, 775

2

Schröder, Fritz (Jg. 1915), stellvertretender Minister für Staatssicherheit (u. a. mit den Anleitungsbereichen HA XVIII, HA XIX u. HA XX)

2, 6, 11, 15, 21, 26, 27, 29, 33, 56, 57, 82, 104, 116, 133, 135, 143, 147, 167, 176, 179, 184, 186, 201, 203, 209, 214, 215, 219, 220, 229, 230, 236, 238, 240, 244, 246, 248, 254, 263, 273, 274, 282, 285, 287, 303, 304, 318, 333, 342, 347, 350, 351, 354, 369, 370, 399, 429, 438, 441, 443, 446, 447, 449, 467, 488, 493, 507, 580, 590, 610, 618, 648, 650, 671, 677, 681, 694, 712, 722, 739, 749, 751, 768, 786, 787, 788, 797, 808, 817, 827, 829, 835, 836, 851, 892, 895, 901, 907, 923, 910, 953, 961, 967

104

Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG), Ursula Schorm (Jg. 1934)

255, 467

2